23. März 1782 - Der Skandalroman "Gefährliche Liebschaften" erscheint

Stichtag

23. März 1782 - Der Skandalroman "Gefährliche Liebschaften" erscheint

Choderlos de Laclos, französischer Romanautor

Gelegenheitsautor Choderlos de Laclos enthüllt die Tricks der Sittenlosen

"Ich wollte ein Buch schreiben, dass ganz anders ist als das Übliche, das einen Skandal machen wird und das noch bestehen wird, wenn ich längst von der Erde abgetreten bin." Das ist dem Franzosen Choderlos de Laclos vollends gelungen. Als die berühmte französische Literaturgesellschaft Académie Goncourt 1999 eine Liste der zwölf bedeutendsten französischen Romane zusammenstellt, nimmt "Gefährliche Liebschaften" den ersten Platz ein. Das Buch, das am 23. März 1782 erschienen ist, wird immer wieder für Bühne oder Kino adaptiert. Der Offizier und Gelegenheitsdichter Choderlos de Laclos wollte aufklären und warnen: "Mindestens erscheint es mir als Dienst an der Sittlichkeit, wenn man die Mittel enthüllt, derer sich die Sittenlosen bedienen, um die Sittlichen zu verderben."

Kritik an Zwangshochzeiten und arrangierten Ehen

Präzise schildert er das perfide Spiel seiner beiden Schurken, der Marquise de Merteuil und des Vicomte de Valmont. Die Marquise sinnt auf Rache: Ihr abtrünniger Liebhaber plant die Heirat mit einem Mädchen aus dem Kloster. Um ihm noch vor der Hochzeit Hörner aufzusetzen, soll ihr Freund, der Vicomte, die 15-jährige Klosterschülerin verführen. Der gewissenlose Herzensbrecher allerdings hat andere Pläne: Er hat es auf die Madame de Tourvel abgesehen - eine verheiratete Frau, bekannt für ihre Treue und Frömmigkeit. Die beiden Bösewichte schließen eine Wette ab: Wenn es Valmont gelingt, die sittsame Dame zu erobern, bekommt er eine Liebesnacht mit der Marquise. Und das unschuldige Mädchen aus dem Kloster erledigt er nebenbei.

De Laclos landet einen Skandalerfolg, die erste Auflage ist nach wenigen Wochen verkauft. Wer das Buch damals liest, ist entsetzt, dass es eine Frau ist, die mit kalter, berechnender Vernunft die Fäden zieht. Lieselotte Steinbrügge, Romanistik-Professorin in Bochum: "Bisher wurden in diesen Romanen immer unschuldige Mädchen von bösen Männern verführt. Damit macht Laclos Schluss, der Bösewicht ist bei ihm mit einer Frau besetzt." Steinbrügge bezeichnet Laclos' Briefroman als Werk von politischer Sprengkraft. "Ganz eindeutig wirft die Revolution ihre Schatten voraus. Natürlich ist dieser Roman eine beißende Gesellschaftskritik, eine Kritik an der Aristokratie. Aber er ist eben auch eine Kritik an den Zwangshochzeiten und arrangierten Ehen."

Gnadenloses Sittenbild in 175 Briefen

Choderlos de Laclos, geboren 1741 in Amiens, stammte aus dem niederen Amtsadel und hoffte zunächst auf eine Karriere beim Militär. Doch da die obersten Ränge für Angehörige des Hochadels reserviert waren, vermoderte der ambitionierte junge Mann in Provinzgarnisonen. Aus Frust und Langeweile begann er zu schreiben: ein gnadenloses Sittenbild seiner Zeit in 175 Briefen, den Briefroman "Gefährlichen Liebschaften". Übertrieben hat er nicht. Steinbrügge erklärt: "Die Libertinage, die hier dargestellt wird, war durchaus eine Lebensform, die vor allem im Hochadel gang und gäbe war." Dass der Autor für seine Geschichte die beliebte Form des Briefromans gewählt hat, macht den Inhalt noch brisanter, denn die Gattung suggeriert die Echtheit der Texte. Bei De Laclos jedoch wird der Brief zum Mittel der Täuschung und Manipulation. Valmont schreibt an Madame de Tourvel: "Nie empfand ich ein solch großes Vergnügen beim Schreiben an Euch, nie verspürte ich bei dieser Beschäftigung eine so süße und doch so lebhafte Regung. Alles scheint meine Verzückung noch zu steigern: selbst der Tisch, auf dem ich schreibe, zum ersten Mal diesem Gebrauch geweiht, wird für mich zum geweihten Altar der Liebe." Doch Valmont verfasst seine poetischen Ergüsse auf dem nackten Körper der Dirne Emilie, wie er der Marquise Merteuil mit boshaftem Stolz berichtet: "Emilie, die las, was ich schrieb, lachte wie toll – und ich hoffe, Ihr lacht auch darüber."

"Ich bin geboren, mein Geschlecht zu rächen"

De Laclos zeigt sein ganzes Können als Kartograph der menschlichen Bösartigkeit. Doch bei aller Niedertracht sind seine Bösewichte vielschichtige Persönlichkeiten, die in der Literaturgeschichte ihresgleichen suchen. So erklärt die Marquise einmal, warum sie zur Intrigantin geworden ist: Nur indem die Frauen lügen und manipulieren, könnten sie ihrer Opferrolle in der Gesellschaft entkommen. "Ich bin geboren, mein Geschlecht zu rächen", sagt sie. Am Ende sind nicht nur die Opfer vernichtet, auch die beiden Schurken verheddern sich in den von ihnen angezettelten Intrigen. Valmont wird bei einem Duell getötet, die Marquise gesellschaftlich geächtet und von den Blattern verunstaltet. Der brutale Schluss des Romans wirkt wie eine Vorwegnahme der Revolution, die sieben Jahre später die Valmonts und Merteuils hinwegfegen wird.

Stand: 23.03.2012

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