28. August 1941 – Erlass zur Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen

Mitglieder der deutschen Folkloregruppe "Druschba" im Wolgagebiet

Stichtag

28. August 1941 – Erlass zur Zwangsumsiedlung der Wolgadeutschen

Mitte des 18. Jahrhunderts hat die deutschstämmige Zarin Katharina die Große einen Plan. Sie will die schier unendlichen Weiten Russlands besiedeln und damit fruchtbar machen. "Da uns der weite Umfang unseres Reiches zur Genüge bekannt, verstaten wir allen Ausländern, in unser Reich zu kommen", schickt sie 1763 als Aufruf in die Welt. Vor allem ihre Landsleute sollen sich angesprochen fühlen.

Der Aufforderung folgen vor allem Hessen, Bayern, Rheinländer und Schwaben. Sie lassen sich an der Wolga, auf der Krim und in Sibirien nieder. Die zweite Generation der Deutschen bringt nicht nur die Kartoffel in die Steppengebiete an der Wolga, sondern auch Getreide – und dank harter bäuerlicher Arbeit Wohlstand ins Land.

Erster kommunistischer deutscher Staat

1924 gründen die Deutschen in der Sowjetunion die Wolgarepublik: ein Gebiet von der ungefähren Größe Nordrhein-Westfalens. Die Republik ist der erste kommunistische deutsche Staat, der zudem innerhalb des Landes mit eigenen Rechten einen Sonderstatus genießt. Die Verbundenheit mit dem Regime illustrieren die Wolgadeutschen unter anderem mit den Namen zweier ihrer Städte: Marx und Engels.

Dann überfallen Adolf Hitlers Truppen im Juni 1941 die Sowjetunion. Über einen Teil des Landes wird der Kriegszustand verhängt, der es den sowjetischen Militärbehörden erlaubt, "verdächtige" Bevölkerungsteile zu verhaften und zu deportieren. Obwohl die Wolgadeutschen auf Hitler als Befreier keineswegs gewartet haben, befiehlt der Oberste Sowjet am 28. August 1941, die Wolgadeutschen wegen des Verdachts auf Kollaboration und Spionage umzusiedeln.

Zwangsarbeit und Überwachung

Der Befehl zur Zwangsumsiedlung wird augenblicklich in die Tat umgesetzt. Die Ortschaften werden umstellt, die Bewohner zu Sammelstellen und unter militärischem Geleitschutz zu den Bahnhöfen gebracht. Dort steckt man sie in Viehwaggons und verfrachtet sie ohne Toiletten oder ausreichende Verpflegung nach Kasachstan oder Sibirien – offiziell, um die als Ersatz für jene Arbeitskräfte einzusetzen, die aufgrund des Angriffs der Wehrmacht zur Roten Armee eingezogen werden mussten.

280.000 Männer und 70.000 Frauen werden in Lager deportiert und müssen - etwa in Kohlegruben - unter der Aufsicht des sowjetischen Geheimdienstes Zwangsarbeit verrichten. Viele Russlanddeutsche verhungern. Die, die Überleben, kommen nach dem Zweiten Weltkrieg in streng bewachte Sondersiedlungen. Flucht wird mit 20 Jahren Zwangsarbeit bestraft.

Mitte der 50er Jahre sind die Russlanddeutschen nicht mehr in Siedlungen gefangen, werden aber weiterhin in ihren Rechten beschnitten und schikaniert. Erst unter Michail Gorbatschows Politik der Perestroika verbessern sich die Verhältnisse. Russlanddeutsche dürfen nach Deutschland auswandern. Fast 2,3 Millionen von ihnen machen hiervon Gebrauch.

Stand: 28.08.2011

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