7. Juli 1911 - Ernst Klett Junior wird geboren

Ernst Klett

Stichtag

7. Juli 1911 - Ernst Klett Junior wird geboren

Als Ernst Klett Junior 1936 den väterlichen Verlag in Stuttgart übernimmt, ist er Chef von zwei Mitarbeitern. "Ich fand eigentlich nichts vor: einen musiktheoretischen Verlag, der alle drei, vier Jahre ein Buch herausbrachte ... und eine Zeitschrift für die Zither mit einer Auflage von 350 Stück." Das Standbein des Familienunternehmens Klett ist die Druckerei, der Verlag steht in ihrem Schatten. Der Sohn, studierter Rechtswissenschaftler, 25 Jahre alt, kommt überhaupt erst für die Position in Frage, weil einer seiner Brüder als Farmer nach Afrika auswandert. Klett Junior nimmt die Herausforderung an, will aus dem winzigen Verlag einen großen machen. Er erinnert sich: "Es war alles andere als leicht, im Jahr 1936 einen Verlag aufzubauen mit dem festen Entschluss, es dürfe kein nationalsozialistisches Element in ihm geben. Das war eigentlich die Quadratur des Zirkels."

Ernst Klett hat die Nase im Wind

Ernst Klett Junior sagt, er hätte "mit den Nazis gar nicht können". Er stammt aus einer konservativen schwäbischen Familie, die sich nach dem längst verflossenen Kaisertum sehnt. Die Mutter sagt nach ihrem 90. Geburtstag zu ihm, der als jüngstes von sieben Kindern am 7. Juli 1911 geboren wurde: "Weißt du Büble, was mein größtes Erlebnis war? Als ich im Jahre 1880 in den Ferien den Mantel des Kronprinzen Wilhelm berühren durfte." Um im Dritten Reich nicht anzuecken, verlegt Klett einige unverfängliche musiktheoretische Schriften, wird bald zum Wehrdienst einberufen und kehrt 1945 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Seine Distanz zu den Nationalsozialisten zahlt sich aus: Früher als andere Verlage erhält er bereits 1946 von den Amerikanern eine Publikationslizenz. Zudem ist die Druckerei unzerstört. Klett, der ein humanistisches Gymnasium besucht hat und sich sehr für Bildung, Pädagogik und Literatur interessiert, stellt zehn Mitarbeiter ein und baut den Schulbuchbereich auf. Der Erfolg stellt sich schnell ein, denn der bis dahin größte Schulbuchverlag, das Leipziger Verlagshaus B. G. Teubner, flüchtet aus der russisch besetzten Zone nach Stuttgart unter die Fittiche des Klett-Verlags. Bald ziert die Schwertlilie, das Verlagssignet, Schulbücher in ganz Deutschland; Generationen von Schülern wachsen mit seiner Stilfibel, dem Rahn-Pfleiderer, seinen Rechen- und Liederbüchern auf. "Die Nase im Wind haben, sehen, was methodisch anliegt oder modisch ist, denn dieses Gewerbe schläft nicht", so erklärte er einmal den Erfolg seines Schulbuchverlags, einem der größten Europas.

Konservativer Mann verlegt liberale Bücher

Klett hat immer auch literarische Ambitionen, verlegt Autoren wie Ernst Jünger, Rudolf Borchardt, Jean Améry und gibt zahlreiche Fachzeitschriften wie den "Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken" oder gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Alexander Mitscherling die "Psyche" heraus. Der "Patrizier aus Stuttgart" oder "EK", wie ihn einige nennen, hat einen offenen Geist. Jean Améry schreibt über ihn: "Der ernste konservative Mann mit dem würdigen Knebelbart hat intellektuell wohl nicht sehr viel und politisch gar nichts gemein mit mir. Aber dennoch bringt er meine Bücher heraus ... Er tut es aus eingeborener Liberalität." 1976 übergibt Klett die Leitung des Konzerns an seine Söhne Michael und Thomas, sein Neffe Roland Klett übernimmt die Druckerei. Ein Jahr später gehen ganz im Sinne des Vaters der Klett-Verlag und die J. G. Cotta'sche Buchhandlung eine Verlagsgesellschaft ein. Unter dem Namen Klett-Cotta entsteht ein renommierter Verlag mit literarischem, wissenschaftlichem und kunsthistorischem Programm. 1998 stirbt Ernst Klett im Alter von 86 Jahren. Heute macht das Unternehmen, das nach wie vor in Familienbesitz ist, mit Schulbüchern, schöner Literatur und Wörterbüchern einen Umsatz von 465 Millionen Euro im Jahr und beschäftigt rund 1.500 Mitarbeiter. Für Ernst Klett waren Bücher aber immer mehr, als der Gewinn, den sie erwirtschafteten: "Ich könnte mir die Welt nicht vorstellen ohne Gedichte und in gewissem Sinne gehört es zur Rechtfertigung Gottes für mich, dass er Dichter geschaffen hat."

Stand: 07.07.2011

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