19. Juli 1996 - Serbenführer Radovan Karadzic tritt zurück

Stichtag

19. Juli 1996 - Serbenführer Radovan Karadzic tritt zurück

Nach zwölf Jahren Flucht ist er kaum wieder zu erkennen: große Brille, Vollbart, das lange weiße Haupthaar oben mittig zu einem Knoten gewickelt. Radovan Karadzic sieht wie ein Druide aus, als er im Juli 2008 in einer Belgrader Plattenbausiedlung festgenommen wird. Er war in der serbischen Hauptstadt unter dem Namen "Dr. Dragan Dabic" als Heilpraktiker tätig. Wenige Tage nach seiner Verhaftung wird Karadzic an das UN-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert. Ihm wird vorgeworfen, als Präsident der bosnischen Serben Anfang der 1990er Jahren einer der Hauptverantwortlichen für die Gräuel im Bosnien-Krieg, die Belagerung Sarajevos und das Massaker in Srebrenica zu sein. Der Prozess gegen Karadzic beginnt im Oktober 2009. Er muss sich unter anderem wegen Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord verantworten.

Sarajevo eingeschlossen und beschossen

Karadzics politische Karriere beginnt, als Jugoslawien zerfällt: Zunächst ist der Schustersohn und Psychiater in der Umweltbewegung aktiv, dann profiliert er sich als Nationalist. Karadzic gründet die "Serbische Demokratische Partei" (SDS) und wird deren Vorsitzender. Sein Ziel ist ein großserbisches Reich. Den Muslimen, die er allesamt für Islamisten hält, wirft Karadzic vor, die anderen Bewohner der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina unterdrücken zu wollen. Bei den ersten Mehrparteien-Wahlen wird die SDS 1990 zweitstärkste Kraft hinter den Muslimen. Karadzic droht ihnen schon bald mit Gewalt: "Ihr müsst wissen, dass ihr das muslimische Volk in den Untergang stürzt, wenn es zum Krieg kommt." Als die muslimischen und kroatischen Abgeordneten Bosnien-Herzegowina für unabhängig erklären, ziehen die bosnischen Serben nicht mit: Im Januar 1992 gründet Karadzic - als serbische Gebietseinheit innerhalb von Bosnien-Herzegowina - die "Republika Srpska" mit der Hauptstadt Pale, die sich unweit von Sarajevo befindet.

Als die EU und die USA im April 1992 Bosnien-Herzegowina völkerrechtlich als unabhängige Republik anerkennen, kommt es zum Bürgerkrieg. Die Serben erobern rund 70 Prozent des Gebiets der Republik und schließen Sarajevo von der Außenwelt ab. Die bosnische Hauptstadt wird von Karadzics Truppen 1.395 Tage lang belagert - und von den umliegenden Bergen beschossen: Ihre Granaten zerfetzen Menschen auf den Märkten, Hunderte sterben auf der "Allee der Heckenschützen" mitten in der Stadt. Versorgt werden die Eingeschlossenen am Ende nur noch über eine Nato-Luftbrücke. "Der Krieg in Sarajevo ist vorbei", erklärt Karadzic 1994, als die Nato mit Bombenangriffen droht. Eine Lüge: Noch ein Jahr später feuern bosnische Serben Raketen auf die Stadt ab. Als die Nato serbische Stellungen bombardiert, werden UNO-Blauhelme, die Schutzzonen für Muslime sichern sollen, als Geiseln genommen.

8.000 Tote bei Massaker von Screbrenica

Auch als Karadzics Truppen im Juli 1995 unter Führung von General Ratko Mladic die ostbosnische Enklave und UN-Schutzzone Srebrenica einnehmen, werden UN-Soldaten als Geiseln genommen. Dabei wird Karadzics Befehl zur sogenannten ethnischen Säuberung radikal umgesetzt: Zehntausende Frauen und Kinder werden vertrieben, der größte Teil der männlichen muslimischen Bevölkerung, rund 8.000 Männer, wird ermordet - ohne Einschreiten der niederländischen UN-Schutztruppe.

Im November 1995 treffen sich die Präsidenten Kroatiens, Serbiens und Bosniens erstmals seit Beginn des Balkankrieges in Dayton im US-Bundesstaat Ohio zu Friedensgesprächen. Den "Vertrag von Dayton" schließen sie Ende des Jahres ohne Beteiligung Karadzics ab. Der Bosnien-Krieg ist damit offiziell beendet. Obwohl Karadzic bereits seit Juli 1995 in Den Haag angeklagt ist, tritt er nun bei den Präsidentschaftswahlen in der bosnischen Serbenrepublik an. Als mutmaßlicher Kriegsverbrecher darf er nach dem Dayton-Abkommen aber nicht mehr für öffentliche Ämter kandidieren. Auf Druck des Westens wird Karadzic deshalb vom serbischen Ministerpräsidenten und ehemaligen Verbündeten Slobodan Milosevic zum Rücktritt gezwungen: Am 19. Juli 1996 übergibt der bosnische Serbenführer Parteivorsitz und Amtsbefugnisse an seine Stellvertreterin Biljana Plavsic. Kurz darauf taucht Karadzic unter.

Stand: 19.07.2011

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