25. Januar 2001 - Zoran Djindjić wird serbischer Ministerpräsident

Stichtag

25. Januar 2001 - Zoran Djindjić wird serbischer Ministerpräsident

Die Leibwächter vor dem Belgrader Regierungsgebäude ziehen die Köpfe ein. Woher die Schüsse der Attentäter kommen, lässt sich nicht ausmachen. Der Fahrer des Dienstwagens lässt den Motor aufheulen. Ein Bodyguard schiebt den tödlich verletzten Zoran Djindjic auf die Rückbank und schlägt die Tür zu. Die Limousine rast zur nahe gelegenen Unfallklinik. Doch auch eine Notoperation kann ihn nicht mehr retten: Der serbische Ministerpräsident stirbt am 12. März 2003. Djindjic hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder.
Der Politstar des Westens in Serbien ist tot. Ein Macher, dem es nie schnell genug gehen konnte: "Ich bin nur ein Aktivist und hab' einfach Lust und Vergnügen daran, täglich etwas zu verändern." Der am 1. August 1948 im nordbosnischen Städtchen Bosanski Samac geborene Offizierssohn ist schon früh politisch engagiert. Als er 1974 in Titos Jugoslawien eine nichtkommunistische Studentengruppe gründet, muss er für ein paar Monate ins Gefängnis. Nach seiner Freilassung studiert er in Frankfurt am Main Philosophie - unter anderem bei Jürgen Habermas - und promoviert in Konstanz über "Marx' kritische Gesellschaftstheorie". Anschließend lehrt er an den Universitäten Novi Sad und Belgrad. 1990 gründet er die Demokratischen Partei mit, deren Vorsitz er vier Jahre später übernimmt. 1997 wird er der erste nicht-sozialistische Bürgermeister Belgrads. Djindjic versteht sich als "Pragmatiker". Er schmiedet quer durch Serbiens politisches Spektrum Allianzen - von der Antikriegs-Aktivistin Vesna Pesic über den als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzic bis hin zum später ermordeten ultranationalistischen Milizenführer Arkan. "Moral und Politik haben nichts miteinander zu tun", so Djindjic. "Wer Moral sucht, sollte in die Kirche gehen."

Im Kampf um die Macht schlägt Djindjic opportunistische Kapriolen: Zunächst greift er das Regime von Slobodan Milosevic und seine Kriege in Kroatien, Kosovo und Bosnien an. Als sich Milosevic dann als Friedensfürst präsentiert, schaltet Djindjic um auf nationalistische Parolen und fordert mit seiner Partei sogar die Geburtenkontrolle für Albaner im umstrittenen Kosovo. Ohne gute Kontakte in den serbischen Sicherheitsapparat, so Djindjic, hätte er diese Zeit nicht überlebt - er habe Freunde im Himmel und in der Hölle. Die "guten Kontakte" nutzt er, als im Oktober 2000 Hundertausende Demonstranten das Parlamentsgebäude in Belgrad stürmen, nachdem Milosevic trotz einer offenbar verlorenen Präsidentschaftswahl nicht abtreten will. Djinjic sorgt dafür, dass die Sicherheitskräfte entgegen der Anordnung von Milosevic nicht schießen: Er trifft heimlich Absprachen mit dem serbischen Geheimdienst. Die Opposition setzt sich durch - und Djindjic wird am 25. Januar 2001 Ministerpräsident. Er lässt den gestürzten Milosevic bald verhaften und zum Kriegsverbrecher-Tribunal nach Den Haag ausfliegen. Das ist nach serbischer Rechtssprechung illegal, bringt dem Land aber umgehend 1,3 Milliarden Dollar Finanzhilfe ein - und eine Öffnung nach Westen.

Stand: 25.01.06