1. März 1871 - Geburtstag von Ernst Leitz

Ernst Leitz mit Leica

Stichtag

1. März 1871 - Geburtstag von Ernst Leitz

Ernst Leitz hat die Führungsriege seiner Optischen Werkstätten zusammengerufen. An einem Tag im Juni 1924 beraten sie in Wetzlar mehr als vier Stunden lang über den Bau einer neuen, kleinen Kamera, die es so noch nicht gibt. Sollen die Leitz-Werke die weltweit erste Kleinbildkamera in Serie bauen? Die Mehrheit der Fachleute ist dagegen. Berufsfotografen, denen Modelle gezeigt wurden, lehnten die Kamera ab; sie konnten sich nicht vorstellen, dass Vergrößerungen von einem Negativ von 24 mal 36 Millimeter möglich sind. Und die Amateure fragten sich, ob ein kleiner Apparat eine ganze Kuhherde aufnehmen könne.

Geburtsstunde der Leica

Doch kurz nach Mittag sagt der Firmenchef: "Wir machen Schluss. Ich entscheide hiermit, es wird riskiert." Es ist die Geburtsstunde der Leica, der ersten in Serie gebauten Kompaktkamera. Auf der Frühjahrsmesse 1925 wird die Leica noch belächelt, doch bald revolutioniert sie die Fotografie. Denn sie erlaubt zum ersten Mal Momentaufnahmen: nicht gestellte, sondern reale Bilder von der Welt und den Menschen. Als die deutsch-französische Fotografin Giselle Freund die Bibliotheken von Paris fotografiert, sagt sie: "Ich habe meine kleine Leica genommen und die Leute fotografiert, denn die Bücher an der Wand interessierten mich überhaupt nicht. In meinen Reportagen hat mich immer das Menschliche interessiert und der Mensch selbst." Knut Kühn-Leitz, der Enkel von Ernst Leitz, erklärt: "Mit der Leica entstand der Fotojournalismus und mit dem Fotojournalismus auch die Illustrierte, in denen das Bild wichtiger war als das Wort." Auch der deutsche Fotograf und Fotojournalist Jim Rakete liebt die Leica: "Es ist sehr leicht, mit ihr unauffällig zu fotografieren. Man steht mitten drin, fotografiert und die Leute merken es nicht."

Bist du bei Leitze, bist du geborgen

Ernst Leitz, der in den 20er-Jahren die mutige Entscheidung für die Leica traf, ist ein besonderer Firmenchef. Sein Enkel Knut Kühn-Leitz erinnert sich: Als Mensch war er "sehr anteilnehmend an dem Schicksal seiner Mitmenschen, ein Unternehmer mit Visionen, und ein aufrechter Demokrat." Am 1. März 1871 wird Ernst Leitz junior als zweiter Sohn von Ernst Leitz I. geboren. Nach einer Feinmechaniker-Lehre im väterlichen Betrieb und Ausbildung zum Kaufmann übernimmt er 1920 die Optischen Werke in Wetzlar, dem damals weltweit größten Hersteller von Mikroskopen. Wie bereits sein Vater hat er ein besonderes Anliegen: Motivation der Mitarbeiter durch soziale Leistungen. Es gibt eine Unterstützungskasse; eine Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse; und den Achtstundenarbeitstag - lange bevor er gesetzlich vorgeschrieben ist. "Bist du bei Leitze, bist du geborgen", heißt ein Sprichwort in Wetzlar.

Stiller Helfer der Juden und Verfolgten

Von seiner Jugend an ist Ernst Leitz II. politisch aktiv: Gründungsmitglied der Deutschen Demokratischen Partei, Stadtverordneter in Wetzlar und Gegner der Nationalsozialisten. Ab 1933 steht er im Visier der Nazis, sie nennen ihn "üblen Demokraten" oder den "roten Leitz". Denn er beschäftigt weiterhin Juden, verfasst Empfehlungsschreiben für Verfolgte, bezahlt Überfahrten. Leitz ist ein stiller Helfer, der sich auch nach dem Krieg nie seiner weitreichenden Unterstützung für Verfolgte rühmt. Die Nazis müssen den mächtigen, aber bescheidenen Unternehmer dulden: Seine Werke sind in aller Welt bekannt, er beschäftigt mehr als 3.500 Menschen, 1933 wurde die 100.000ste Leica gebaut. Im Alter von 80 Jahren, fünf Jahre vor seinem Tod am 15. Juni 1956, blickt Ernst Leitz II. auf sein Leben zurück: "Was mich am meisten erfreut ist, dass wir 4.600 Menschen beschäftigen können, ihnen Arbeit und Verdienst geben."

Stand: 01.03.2011

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