9. Oktober 1989 - Erste große Montagsdemonstration in Leipzig

Leipzig: Eine Gruppe von Demonstranten geht mit einem Transparent, auf dem «Wir wollen keine Gewalt! Wir wollen Veränderungen!» zu lesen ist

9. Oktober 1989 - Erste große Montagsdemonstration in Leipzig

In der DDR hat die Staatspartei SED schlechte Erfahrungen mit Demonstrationen, zu denen sie nicht selbst aufruft: Als 1953 Bauarbeiter unaufgefordert demonstrieren, können nur sowjetische Panzer den angeblichen Putschversuch niederschlagen.

Seitdem versuchen zwar immer wieder Bürgerrechtler oder Ausreisewillige ihre Anliegen öffentlich zu machen, aber die Staatsmacht geht grundsätzlich dagegen vor. Dabei heißt es im Artikel 27 der DDR-Verfassung, jeder Bürger habe "das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß, seine Meinung frei und öffentlich zu äußern".

Erste große Montagsdemo in Leipzig (am 09.10.1989)

WDR 2 Stichtag 09.10.2019 04:16 Min. Verfügbar bis 06.10.2029 WDR 2

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DDR-Behörden schreiten ein

Doch die DDR-Führung will keine Meinungen hören, die sie nicht teilt. Sobald Flugblätter verteilt oder ungenehmigte Transparente entrollt werden, schreiten die Behörden ein - auch am 4. September 1989, bei der ersten Montagsdemonstration in Leipzig.

Auf dem Plakat von Katrin Hattenhauer, einer der Initiatorinnen, steht: "Für ein offenes Land mit freien Menschen". Auf einem anderen heißt es: "Reisefreiheit statt Massenflucht". Die Demonstration wird unterbunden. Trotzdem versammeln sich am folgenden Montag mehr Demonstranten als beim ersten Mal.

Zahl der Demonstranten wächst

Am 18. September sind schon Hunderte dabei, am 25. September sind es 5.000. Es wird schwieriger für die DDR-Medien, das zu ignorieren. Also schreibt die Leipziger Volkszeitung neun Zeilen über eine "rechtswidrige Zusammenrottung von Personengruppen im Bereich der Leipziger Innenstadt".

Als am 2. Oktober 1989 rund 15.000 Menschen in Leipzig demonstrieren, ist das für die Regionalzeitung "eine größere Personengruppe". Dann kommt es zur ersten Massendemonstration: am 9. Oktober 1989, zwei Tage nach dem 40. Jahrestag der DDR. In Leipzig demonstrieren - je nach Angaben - zwischen 50.000 und über 70.000 Menschen.

Druck der Straße

Katrin Hattenhauer ist nicht dabei. Sie sitzt im Gefängnis. Es gibt Gerüchte: Es könnte geschossen werden. "Mein Vernehmer hatte gesagt: 'Hattenhauer, wenn wir draußen den Schießbefehl kriegen, dann seid ihr hier drin die Ersten.'" Doch es bleibt weitgehend friedlich.

Am 16. Oktober versammeln sich allein in Leipzig über 150.000 Demonstranten. Auch in anderen Städten wie Plauen und Dresden wird mittlerweile demonstriert. So viele Stimmen kann die Obrigkeit nicht mehr überhören.

Sechs Wochen später - Staatschef Erich Honecker und sein Nachfolger Egon Krenz sind dann schon nicht mehr im Amt - ändert die DDR ihre Verfassung: Der darin enthaltene Führungsanspruch der SED verschwindet.

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