17. November 1942 - Geburtstag des Regisseurs Martin Scorsese

Martin Scorsese

17. November 1942 - Geburtstag des Regisseurs Martin Scorsese

Für eine gute Geschichte braucht man nur eine schillernde, zerrissene Figur. Einen Boxer zum Beispiel, einen gewaltbereiten Taxifahrer, oder Gangster aus dem Mafia-Millieu. Davon ist der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Martin Scorsese überzeugt. "Wenn du eine starke Figur hast mit Konflikten, am besten besessen, vielleicht ein bisschen paranoid, dann kannst du daraus das Drehbuch und eine ganze Welt entwickeln", sagt er einmal.

Scorseses Meisterschaft besteht darin, diese Grundlage in eindringliche, emotional aufgeladene Bilder zu transportieren. "Er hatte vor allen Dingen eben tolle Bilder im Kopf", erinnert sich sein langjähriger deutscher Kameramann Michael Ballhaus. "Und das war das Faszinierende an ihm – wenn ein Regisseur mit Bildern etwas erzählen will. Und das habe ich dann eben in die Wirklichkeit übersetzt."

Martin Scorsese, Filmregisseur (Geburtstag 17.11.1942)

WDR 2 Stichtag | 17.11.2017 | 04:15 Min.

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Regisseur statt Priester

Geboren wird Scorsese am 17. November 1942 als Sohn sizilianischer Einwanderer in New York City. Groß wird er im Viertel der italienischen Einwanderer, "Little Italy". Als Kind ist er eher kränklich, vom Fenster aus kann er angeblich beobachten, wie sich unten auf der Straße die Gangster bekriegen. Ursprünglich will Scorsese nach Abschluss der Jesuitenschule Priester werden. Doch dann überlegt er es sich anders und studiert ab 1960 Film an der New York University. Hier bekommt er später eine Anstellung als Dozent und unterrichtet unter anderem Oliver Stone und Jonathan Kaplan. In Kalifornien freundet er sich mit George Lukas, Francis Ford Coppola und Steven Spielberg an.

Die Schule der Straße - Martin Scorsese ist 75

Martin Scorsese zählt zu den bedeutendsten Filmemachern, geboren wurde der Regisseur, Drehbuchautor und Produzent am 17. November 1942 in New York. Gewalt, Familie, Religion und das multi-ethnische Amerika sind die großen Themen seiner Filme.

Robert De Niro in "Taxi Driver"

Der Film, der Scorsese den internationalen Durchbruch brachte, ist der Film, der bereits viele seiner großen Themen umfasst: "Taxi Driver" von 1976. In der Hauptrolle der damals 32-jährige Robert De Niro. Taxifahrer und Ex-Vietnam-Soldat Travis Bickle (De Niro) stillt sein Bedürfnis nach Frieden mit Gewalt.

Der Film, der Scorsese den internationalen Durchbruch brachte, ist der Film, der bereits viele seiner großen Themen umfasst: "Taxi Driver" von 1976. In der Hauptrolle der damals 32-jährige Robert De Niro. Taxifahrer und Ex-Vietnam-Soldat Travis Bickle (De Niro) stillt sein Bedürfnis nach Frieden mit Gewalt.

Auf New Yorks Straßen herrscht das Chaos, findet Taxi Driver Bickle. Er will Ordnung schaffen. Scorseses Kollege Quentin Tarantino sagt über "Taxi Driver": "Ich glaube, das ist eine der besten Charakterstudien, wenn nicht die beste Charakterstudie überhaupt, die ein Film je zustande gebracht hat." Der Film gewinnt 1976 in Cannes die Goldene Palme.

Drei Jahre vor "Taxi Driver" dreht Scorsese "Mean Streets" ("Hexenkessel"), sein erster großer Erfolg bei Kritik und Publikum. Robert De Niro ist dabei und Harvey Keitel (Foto). Wieder geht es um die Gewalt auf den Straßen New Yorks. Und es geht um Einwanderung, ein weiteres großes Thema des sizilianischstämmigen Scorsese. "Mean Streets" ist der erste Mafia-Film des Regisseurs - und eine in Teilen autobiografische Milieustudie.

Viele seiner späteren Filme sind geprägt von Martin Scorseses Herkunft aus dem New Yorker Viertel Little Italy. 2017 sagt er im Interview mit dem "Zeit"-Magazin: "Um die ganzen Codes zu lernen, auch die Codes der Gewalt, dazu brauchte ich diese Kindheit." Das Bild zeigt Scorsese (m.) am Set von "Mean Streets" zusammen mit Robert De Niro (l.) und Harvey Keitel.

Schon in seiner Kindheit prägen den Regisseur religiöse Erfahrungen. Als Junge in Little Italy begegnet er einem Priester, der ihn stark beeindruckt. Scorsese besucht einenhalb Jahre lang ein Priesterseminar. Lange Zeit später, 2016, trifft Martin Scorsese Papst Franziskus bei einer Privataudienz. Dem "Zeit"-Magazin sagt er: "Ich habe mich in den vergangenen Jahrzehnten fast schon obsessiv mit dem Glauben und der Seele beschäftigt, mit Fragen der Sünde und der Erlösung." Den Kirchenweg verlässt er als Jugendlicher schließlich doch - und studiert Film an der New York University.

Der nächste große Erfolg ist 1980 das Boxerdrama "Wie ein wilder Stier". Robert De Niro erhält für die Verkörperung des Mittelgewichtschampions von 1949, Jake la Motta, einen Oscar. Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film gilt heute als Meisterwerk der Filmgeschichte. Scorseses Stamm-Cutterin Thelma Schoonmaker erhält für den Film ebenfalls einen Oscar. Schoonmaker mischt Zeitlupen mit brutalen, schnell aufeinander folgenden Schlägen, lässt die Zuschauer hören, was der zusammengeschlagene La Motta hört: einen einzigen Brei aus verzerrten Geräuschen.

In den 1980er Jahren folgen die Filme "Die letzte Versuchung Christi" mit William Dafoe als Jesus und der Sportfilm "Die Farbe des Geldes" mit Paul Newman. "Die letzte Versuchung" kommt unter heftigen Protesten konservativer Katholiken und fundamentalistischer Protestanten in die Kinos. Auf der Biennale in Venedig kann der Film nur außer Konkurrenz gezeigt werden, in Israel wird er verboten.

Dass Scorsese nicht nur die Themen der Straße beherrscht, beweist er 1993 auch mit der Literaturverfilmung "Zeit der Unschuld" über die New Yorker High Society von 1870 mit Michelle Pfeiffer und Daniel Day-Lewis in den Hauptrollen. Auch hier "traktiert und demontiert er amerikanische Mythen", wie ein Kritiker schrieb.

Der Mafia-Film "Goodfellas" von 1990 zählt zu Scorseses berühmtesten Filmen. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb, er wirke wie eine Summe von Scorseses bisheriger Arbeit: Kulturen und Zivilisationen, Gesetze und Regeln, Unterwelt und Oberwelt, Katholizismus und Kapitalismus, Erfolgsstreben und Todesangst - "alles prallt hier mit unglaublicher Wucht aufeinander". "Goodfellas" bildet den zweiten Teil von Scorseses Mafia-Trilogie, die er 1973 mit "Mean Streets" begann und fünf Jahre nach "Goodfellas" mit "Casino" 1995 beendet.

Über "Goodfellas" und die Mechanik der Gewalt, die seine Mafia-Filme prägen und die er schonungslos inzeniert, sagt Scorsese dem "Rolling Stone Magazine" in einem Interview: "Diese Jungs wollen Geschäfte machen, sie wollen keine Leute umbringen, kein Chaos verbreiten. Wenn du aber einen Fehler machst, ihnen die Hölle heiß machst, ihre Familien gegeneinander aufbringst, dann muss jemand ausgelöscht werden. Es ist ganz einfach."

Nach der Jahrtausendwende wird Leonardo DiCaprio zum prägenden Hauptdarsteller in Martin Scorseses Filmen. Mit ihm dreht er das Krimi-Epos "Gangs of New York" und "The Aviator", ein biografisches Drama über den Aufstieg des legendären Filmproduzenten, Fliegers, Milliardärs und Frauenhelden Howard R. Hughes.

Als endgültig in Hollywood angekommen sehen die Kritiker Scorsese mit dem Thriller "Departed - Unter Feinden" (2006): Der Film erhält vier Oscars, darunter nach fünf erfolglosen Nominierungen endlich auch die Trophäe für die Beste Regie. Leonardo DiCaprio und Matt Damon spielen zwei Spitzel, die die Polizei und die Unterwelt in Boston unterwandern.

Ganz warm wird Scorsese mit Hollywood aber nie. Er bleibt immer auch Autorenfilmer, ein Regisseur mit einer sehr individuellen Handschrift. Im Interview mit dem "Spiegel" sagt er 2006: "Um 200 Millionen einzuspielen, muss man ein formatiertes Produkt herstellen, das sich auf der ganzen Welt verkaufen lässt. Was wäre, wenn die großen Budgets wieder Filmemachern mit einer persönlichen Sicht der Dinge anvertraut würden?"

Seine bis dato letzte Spielfilm-Regie legt Martin Scorsese 2016 mit "Silence" vor. Der Film ist ein langjähriges Herzensprojekt des Regisseurs und handelt von zwei portugiesischen Priestern im Japan des 17. Jahrhunderts, die einen Missionar suchen, der dem christlichen Glauben abgeschworen haben soll. Scorsese bleibt sich damit künstlerisch treu.

Sein erster Spielfilm "Wer klopft denn da an meine Tür?" (1967) bringt Scorsese an den Rand des Ruins. Erst sein dritter Hollywoodfilm "Hexenkessel" aus dem Kleinkriminellenmilieu im Umfeld der Cosa Nostra, mit Harvey Keitel und Robert de Niro in den Hauptrollen, bedeutet 1973 den Durchbruch. "Du zahlst deine Sünden nicht in der Kirche, du zahlst auf der Straße", heißt es darin. Damit ist der Kosmos umrissen, in dem sich Scorseses Helden bewegen: Konflikte entstehen aus der Spannung, den Gesetzen von Familie und Kirche gehorchen zu wollen, andererseits aber auch vor den Gesetzen der Straße zu bestehen.

Gewalt für Frieden

So ist es auch in "Taxi Driver" (1976), Scorseses bekanntestem Film. In ihm spielt Robert de Niro die Titelfigur Travis, die paradoxerweise Gewalt anwendet, um Frieden zu finden. Und so ist es auch in Scorseses weiteren Filmerfolgen - dem Boxerdrama "Wie ein wilder Stier" (1980), dem Mafia-Streifen "Good Fellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia" (1990) oder dem Thriller "Departed – Unter Feinden" (2006), in dem Leonardo di Caprio und Matt Damon sich gnadenlos jagen und beide dem Tod geweiht sind.

2007 erhält Scorsese für "Departed" den ersehnten Oscar. Glauben kann er es irgendwie nicht so recht. Jedenfalls bittet er vor laufender Kamera darum, den Namen im Innern des Umschlags doch bitte noch ein zweites Mal zu überprüfen.

Programmtipps:

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"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 17. November 2017 ebenfalls an Martin Scorsese. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.

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Stand: 17.11.2017, 00:00