27. März 1955 - Erste Jugendweihe in der DDR

Jugendliche in FDJ-Uniformen bei einer Jugendweihe in der DDR (Aufnahme vermutlich 1966)

27. März 1955 - Erste Jugendweihe in der DDR

Ein Blumenstrauß und ein Buch mit dem Titel "Weltall - Erde - Mensch" oder "Der Sozialismus - Deine Welt". Das sind die offiziellen Geschenke der DDR, wenn Kinder erwachsen werden und die sogenannte Jugendweihe erhalten.

Der Begriff taucht erstmals Mitte des 19. Jahrhunderts in freireligiösen Gemeinden und später in der Arbeiterbewegung auf. In der DDR bildet die Jugendweihe das Gegenstück zur evangelischen Konfirmation und zur katholischen Firmung.

Erste Jugendweihe in der DDR (am 27.03.1955)

WDR 2 Stichtag 27.03.2020 04:16 Min. Verfügbar bis 25.03.2030 WDR 2

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"Vertrauliche Verschlusssache"

Anfang November 1954 informiert das SED-Zentralkomitee die Parteileitungen auf Bezirks- und Kreisebene. In einer "Vertraulichen Verschlusssache" wird angekündigt, dass ein "Zentraler Ausschuss für Jugendweihe" eingerichtet wird.

Die erste DDR-Jugendweihe findet am 27. März 1955 in Ost-Berlin statt. "Girlandengeschmückte Straßenbahnen brachten festlich gekleidete Jugendliche mit ihren nicht minder sorgfältig angezogenen Eltern und Verwandten zu dem schönen Kulturhaus", berichtet die Ost-Berliner Zeitung.

Flächendeckender Zwang

Im ersten Jahr empfangen insgesamt 52.322 Mädchen und Jungen die Jugendweihe. "Exakt waren dies 17,7 Prozent aller infrage kommenden Schüler", berichtet der DDR-Rundfunk 1984. "Die Prozentzahl liegt heute so bei 95 bis 97."

Die Steigerung kommt nicht von ungefähr. Bei seiner Rede zur Eröffnung des Jugendweihe-Jahres 1958 macht der Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht klar, dass alle Jugendliche an der Weihe teilnehmen sollen - unabhängig davon, "in welcher Weltanschauung sie bisher erzogen wurden".

"Für die große und edle Sache"

Die formal freiwillige Jugendweihe wird praktisch zur Pflichtveranstaltung für Jugendliche der achten Klasse. Wer nicht mitmacht, dem drohen schulische und berufliche Nachteile.

Höhepunkt ist das Gelöbnis der Jugendlichen. Darin verpflichten sie sich unter anderem, getreu der DDR-Verfassung "für die große und edle Sache des Sozialismus zu arbeiten und zu kämpfen und das revolutionäre Erbe des Volkes in Ehren zu halten".

Geschenke der Verwandten

Das öffentliche Bekenntnis ist eine ideologisch aufgeladene und pathetische Veranstaltung. Für viele Jugendliche wird sie deswegen erträglich, weil es danach noch Geschenke der Verwandten gibt.

"Feierlich nehmen wir euch auf in die große Gemeinschaft des werktätigen Volkes, das unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei, einig im Willen und im Handeln, die entwickelte sozialistisch Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik errichtet", heißt es am Ende der Weihe.

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