30. Juni 2008 - Vor 115 Jahren: DDR-Mitbegründer Walter Ulbricht geboren

Stichtag

30. Juni 2008 - Vor 115 Jahren: DDR-Mitbegründer Walter Ulbricht geboren

"Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer", ruft der weißhaarige, bärtige Mann vom Podium in die Menge. 1906 steht dort der 13-jährige Walter Ulbricht aus Leipzig mit seinem stramm sozialdemokratischen Vater und lauscht fasziniert den Ideen von August Bebel. Walter ist blass, unscheinbar und kontaktarm, aber ungeheuer fleißig. Schon als Jugendlicher studiert er Marx, Engels, Lenin, bildet seine politische Weltsicht aus, doch für eine Parteikarriere als Nachwuchsfunktionär scheint dieser verklemmte Jungsozialist seinen Zeitgenossen denkbar ungeeignet. Ulbricht lernt das Agieren im Hintergrund, erledigt das, was andere wegschieben und macht sich unentbehrlich. Die 30er Jahre verbringt der Berufsfunktionär im Moskauer Exil. Dort arbeitet sich Ulbricht bis in die "Kleine Kommission" vor, die über Parteiausschlüsse und damit über Leben und Tod entscheidet. Sein Kollege dort ist ein ebenso ideologiefester Pfeifenraucher namens Herbert Wehner. Am 1. Mai 1945 kehrt Walter Ulbricht zurück nach Berlin, organisiert in der sowjetisch besetzten Zone die Zwangsvereinigung der SPD mit der KPD und nimmt den planmäßigen Aufbau der Deutschen Demokratischen Republik in Angriff.

Anfang Mai 1953 bereitet eine Kommission den 60. Geburtstag von Walter Ulbricht vor. Dem Mitbegründer der DDR und Generalsekretär der Einheitspartei SED schwebt ein Massenspektakel vor. Mit kostspieligen Paraden und pompösem Staatsakt. In Moskau lösen Ulbrichts Pläne angesichts von Versorgungsengpässen und Flüchtlingsströmen gen Westen heftiges Stirnrunzeln aus. Trotzdem legt der ebenso gelehrige wie dogmatische Schüler von Liebknecht und Stalin noch eins drauf und erhöht seinen Volksgenossen die Arbeitsnormen um zehn Prozent - zu erfüllen bis 30. Juni, seinem Geburtstag. Nach heftigen Rüffeln sowohl von der sowjetischen Führung als auch vom eigenen Politbüro rudert Ulbricht halbherzig zurück. Am 16. Juni ziehen Bauarbeiter auf die Berliner Stalinallee und rufen: "Der Spitzbart muss weg". Der Aufstand des 17. Juni ist nicht mehr aufzuhalten.

Nachdem 20.000 Rotarmisten und 8.000 Volkspolizisten brutal für Ordnung gesorgt haben, feiert Ulbricht am 30. Juni 1953 seinen 60. Geburtstag in bescheidenem Rahmen. Doch der mit allen Wassern gewaschene Beton-Kommunist übersteht die Krise im Amt so unbeschadet, wie er zuvor schon Stalins Säuberungen überlebt hat. Trotz aller Kritik wagt es niemand, den unscheinbaren, hinter den Kulissen aber knochenharten Parteichef zu stürzen. Zum Ende seiner Ära in den 60er Jahren kann Ulbricht gar für sich verbuchen, die DDR zum höchsten Lebensstandard unter allen Ostblockländern geführt zu haben. Als der jeder Realität schon weit entrückte Staatsratsvorsitzende daraufhin Moskaus Führungsanspruch in Frage stellt, ist sein politisches Ende besiegelt. Chruschtschow-Nachfolger Leonid Breschnew und der junge Erich Honecker fegen das greise, aber immer noch amtierende Staatsoberhaupt der DDR durch Nichtbeachtung schlicht von Bühne und untersagen ihm "aus gesundheitlichen Gründen" jede Betätigung. Am 1. August 1973 werden die Weltfestspiele der Jugend in Ost-Berlin nur kurz durch Meldungen von Ulbrichts Tod überschattet.

Stand: 30.06.08