11. Januar 2001 - AOL und Time Warner bilden weltgrößten Medienkonzern

AOL-Chairman Steve Case (links) und Time-Warner-Chairman Gerald Levin bei Fusionsverkündung im Januar 2000

Stichtag

11. Januar 2001 - AOL und Time Warner bilden weltgrößten Medienkonzern

Ted Turner kann seine Euphorie kaum in Worte fassen. Die Fusion von Time Warner mit dem Online-Portal AOL löse bei ihm fast noch größere Begeisterung aus als sein erster Sex vor 42 Jahren, jubelt der Gründer und Chef von CNN. Kein Wunder, Turners Okay zu der Elefantenhochzeit macht ihn, den größten Einzelaktionär von Time Warner, schlagartig um 2,5 Milliarden Dollar reicher.

Bei Bekanntgabe der Fusion 2000 ist Time Warner der größte Medienkonzern der Welt. Zu seinem hochprofitablen Reich zählen das Time Magazine, Time Life und People, Buchverlage, Freizeitparks, Musik- und Filmproduktionen. Dazu gebietet Time Warner über Amerikas größtes Kabel-Network und Turners Nachrichtensender CNN. Dennoch muss sich der Gigant des klassischen Medienmarktes, dessen Umsätze die des Internet-Newcomers AOL bei Weitem übertreffen, bei dem Mega-Deal mit der Rolle des kleinen Bruders abfinden.

Unschlagbare Wette auf die Zukunft

Im Höhenflug der New Economy Ende der 90er-Jahre gilt America Online (AOL) als heißester Kandidat auf die Pole Position im Internet-Zeitalter. Mehr als 20 Millionen Menschen gehen über die 1985 von Steve Case gegründete Firma ins World Wide Web, Tendenz rasant steigend. Der Hype an den Börsen pusht die AOL-Aktie in Höhen, die den realen Unternehmenswert um ein Vielfaches übersteigen. "Im Oktober 1999 rief Case mich an", berichtet Time-Warner-Chef Gerald Levin später. "Es war ein kurzes, ganz normales Telefonat. Und dann sagt er: Wie fändest du es, wenn wir unsere beiden Firmen zusammentun?"

Levin sieht "grenzenlose Chancen" für das angebotene Weltrekord-Bündnis. Er findet sich sogar damit ab, dass AOL im Konzern-Logo den ersten Platz für sich beansprucht. 165 Mrd. Dollar legt AOL laut Financial Times Deutschland (FTD) für Time Warner auf den Tisch, finanziert durch Aktien. Seit 1996 ist deren Wert um 3.000 Prozent gestiegen. Sogar Skeptiker unter den Börsianern feiern die Hochzeit von Old Economy und New Economy als unschlagbare Wette auf die digitale Medien-Zukunft. Beim Vollzug der Fusion am 11. Januar 2001 repräsentiert AOL Time Warner einen Aktienwert von rund 360 Mrd. Dollar.

Auf Zwergenmaß geschrumpft

Im US-Fernsehen erklärt Steve Case als Chairman von AOL Time Warner: "Wir forcieren einen Kulturwandel (…), um wirklich eine große Idee umsetzen zu können: Die Konvergenz der Märkte und die Globalisierung der Branche." Doch die Wette des Online-Dominators auf die Traumehe mit den Altmedien inklusive exorbitanter Werbegewinne entlarvt sich als Milliarden-Grab. Kaum ist die Fusion vollzogen, platzt die Internet-Börsenblase in rasantem Tempo: Betrug der Gesamtwert aller im Nasdaq-Index notierten Firmen im März 2000 noch "aberwitzige 6.700 Mrd. Dollar" (FTD), sind davon im Oktober 2002 nur noch rund 1.700 Milliarden übrig. AOL Time Warner verbucht durch den abgestürzten Wert von AOL einen Nettoverlust von knapp 100 Mrd. Dollar.

Ende 2002 müssen die Minus-Männer Levin und Case ihre Chefsessel räumen, kurz danach streicht Time Warner den zum Zwerg geschrumpften Partner kurzerhand aus dem Konzernnamen. Die Entscheidung für eine nicht zukunftsfähige Einwahltechnik ins Internet beschleunigt zusätzlich den Bedeutungsverlust von AOL. Im Mai 2006 kürt das Fachblatt PCWorld das Online-Portal zum "schlechtesten technischen Produkt aller Zeiten". Insgesamt wird durch die vermeintliche Win-Win-Fusion ein Aktienkapital von 300 Mrd. Dollar vernichtet. Dank sprudelnder Gewinne aus dem Kerngeschäft kann Time Warner seinen Rang als Global Player der Branche verteidigen. AOL dagegen führt nur noch ein Nischen-Dasein hinter Giganten wie Google und Facebook.

Stand: 11.01.2016

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