Boris Spasski (li.) bei Schach-WM 1972 gegen Bobby Fischer

30. Januar 1937 - Schachweltmeister Boris Spasski wird geboren

Stand: 30.01.2017, 00:00 Uhr

Gegensätzlicher könnten die Kontrahenten der Schachweltmeisterschaft 1972 nicht sein. Herausforderer Bobby Fischer aus den USA gilt als egomaner, unberechenbarer Exzentriker. "Ich genieße den Augenblick, wenn ich das Ego eines Mannes zerstöre", zitiert "Der Spiegel" den damals 29-Jährigen mit einem angeblichen IQ von 186.

Titelverteidiger Boris Spasski aus der Sowjetunion wirkt dagegen wie ein wohlerzogener Musterknabe. Kultiviert, die Ruhe selbst, tritt der Russe mitten im Kalten Krieg in Islands Hauptstadt Reykjavik zum "Match des Jahrhunderts" an. Fünf Partien hat Spasski zuvor gegen Fischer gespielt, drei Mal verließ er als Sieger das Brett, zwei Partien endeten remis.

Am Brett mit Killerinstinkt, aber ohne Hass

Erlernt hat der am 30. Januar 1937 geborenen Boris Spasski das "Spiel der Könige" in einem Leningrader Waisenhaus. Dort wächst er nach der Trennung seiner Eltern auf. Mit zehn Jahren macht er durch einen Sieg über Weltmeister Michail Botwinnik auf sich aufmerksam. 1955 verleiht der Weltschachbund FIDE dem 18-Jährigen den Titel eines Großmeisters.

Um Weltmeister zu werden, so Spasski später, brauche man neben Gesundheit, Charakterstärke und Talent vor allem eins: Killerinstinkt. Als Profi wird er für seine aggressive Offensive gefürchtet. Dennoch sieht sich der studierte Journalist nicht als "Schach-Krieger", der seinen Gegner hasst - ganz im Gegensatz zu Fischer: "Wenn man gegen Bobby spielt, geht es nicht um Gewinnen oder Verlieren. Es geht ums Überleben."

Politisch zum Siegen verurteilt

Sein erstes Weltmeisterschaftsduell gegen Titelverteidiger Tigran Petrosjan verliert Spasski 1966 noch knapp. Beim erneuten Aufeinandertreffen drei Jahre später kann er den Landsmann dann bezwingen und geht als zehnter Weltmeister in die Schach-Annalen ein.

Obwohl Spasski 1970 in Siegen auch die Goldmedaille der Schacholympiade gewinnt, behält er die Jahre seiner größten Erfolge als die unglücklichsten seines Lebens in Erinnerung. Zentnerschwer lastet nun auf ihm die Pflicht des Siegenmüssens, um die traditionelle Vorherrschaft der Schachgroßmacht UdSSR zu behaupten.

Vor Beginn der WM in Reykjavik gilt Bobby Fischer als Favorit. In den vergangenen zwei Jahren hat der Amerikaner sämtliche Gegner förmlich vom Brett gefegt. Seine Jagd nach der WM-Krone wird rund um den Globus zum "Kampf der Systeme", zum Stellvertreter-Krieg der Großmächte hochgepusht.

Vorzeitige Aufgabe nach Nervenschlacht

Bis zuletzt pokert Fischer um das Preisgeld. Erst als ein britischer Millionär die Summe auf 150.000 US-Dollar verdoppelt und Henry Kissinger persönlich interveniert, fliegt "das cholerische Genie" (New York Times) nach Island. Die erste am 11. Juli begonnene Partie gewinnt Spasski, die zweite verliert Fischer, weil er aus Protest gegen die im Saal aufgebauten Kameras nicht antritt.

Nach 21 von 24 angesetzten Partien und einer Nervenschlacht ohnegleichen gibt Spasski am 1. September 1972 vorzeitig auf. Der neue Weltmeister kommt nun erstmals aus den Vereinigten Staaten. Spasski verliert seine privilegierte Stellung in der Heimat, obwohl er im folgenden Jahr wieder UdSSR-Meister wird. 1975 zieht er nach Paris und nimmt die französische Staatsbürgerschaft an.

Von 1980 bis 1990 spielt Boris Spasski für die Solinger SG 1868 in der Schach-Bundesliga. In einem politisch höchst umstrittenen Match tritt er 1992 in Jugoslawien noch einmal gegen Bobby Fischer an und verliert erneut. Nach zwei Schlaganfällen halbseitig gelähmt, lebt der 80-Jährige Ex-Weltmeister seit 2012 wieder in Moskau.

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