29. Oktober 1795 - Angriff auf die Staatskarosse von George III.

Angriff a. d. Staatskarosse v. George III. durch Londoner Mob

Stichtag

29. Oktober 1795 - Angriff auf die Staatskarosse von George III.

Im 18. Jahrhundert ist das englische Parlament weit davon entfernt, demokratisch zu sein. Nicht einmal ein Prozent der Steuern zahlenden Bevölkerung darf wählen. In den Houses of Parliament in London regiert ohnehin der Adel, und der ist arrogant. Der Bischof von Rochester bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: "Ich weiß nicht, was das Volk irgendeines Landes mit dem Gesetz zu schaffen hätte, außer: ihm zu gehorchen".

Aber im Land formiert sich Widerstand. Wer Steuern zahlt, soll auch mitentscheiden dürfen, wofür sie ausgegeben werden – und nach welchen Regeln. Nicht nur Revoluzzer und Freunde der Französischen Revolution, sondern auch Uhrmacher, Schneider, Kaufleute, Ärzte und Rechtsanwälte beanspruchen diese Rechte aus der Verfassung. Am 29. Oktober 1795 kommt es zu Eklat.

Georges Spießrutenfahrt

An jenem Herbsttag macht sich der englische König George III. in seiner Kutsche auf dem Weg zum Parlament, um in guter alter Tradition die Sitzungsperiode als Staatsoberhaupt zu eröffnen. Schon am Morgen haben sich Hunderttausende entlang des Weges eingefunden. Die Stimmung ist seltsam ruhig. Und geladen: In den vergangenen Jahren sah George III. zumeist jubelnde Menschen, wenn er aus dem Fenster blickte. Diesmal aber dringen unerhörte Töne wütender Untertanen in die Staatskarosse. Rufe nach bezahlbarem Brot werden laut, Forderungen nach dem Ende des Krieges mit Frankreich mischen sich unter. Spott und Hohn ergießen sich über den Monarchen. Und dann, tatsächlich: "Nieder mit George" und "Köpft den König". Dabei ist nicht der Monarch selbst im Fokus der Demonstranten, sondern die Institution der Monarchie.

Die Spießrutenfahrt verläuft gewaltlos, bis sich George III. dem Oberhaus nähert. Plötzlich fliegen Steine gegen die Kutsche, ein Geschoss durchschlägt das Fenster. Vielleicht stammt es aus einem Luftgewehr; vielleicht ist es aber auch nur eine Murmel. Gefunden wird es nie. Als George III. nach seiner Rede die Rückfahrt antritt, versuchen 30 Demonstranten, die Kutsche zu stürmen. Die Polizei nimmt wahllos Menschen fest. Als der König die Staatskarosse in seiner Londoner Residenz St. James Palace verlässt, kennt der aufgebrachte Mob kein Halten mehr. Die Kutsche wird fast völlig zerstört, Glasscherben als Souvenir nach Hause getragen.

Reform im Keim erstickt

Der König kommt mit dem Schrecken davon. Trotzdem muss die Monarchie reagieren. Allein das Schicksal des französischen Kollegen Ludwig XVI. unter der Guillotine schreit nach einem juristischen Exempel. Statuiert wird es am Kunstdrucker Kid Wake, der während der Pöbeleien verhaftet worden ist. Er wird als Hauptverdächtiger vor Gericht gestellt. Obwohl ihm nur nachgewiesen kann, Grimassen schneidend und schimpfend neben der königlichen Kutsche hergelaufen zu sein, wird er zu fünf Jahren Zwangsarbeit verurteilt.

Das Hauptaugenmerk der Gegenaktionen von Premierminister William Pitt richtet sich gegen die republikanische "London Corresponding Society", die drei Tage vor dem Anschlag auf die Monarchie 200.000 Menschen zu einer Rede auf der Straße versammelt hatte. Er lässt Knebelgesetze verabschieden, die öffentliche Reden und Versammlungen stark einschränken und den Begriff des Hochverrats neu definieren. Ab sofort sind Zusammenkünfte ab 50 Menschen ohne Magistratserlaubnis verboten. "Pitts Terrorregime" erstickt die britischen Reformbewegungen im Keim.

Stand: 29.10.2015

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