19. Oktober 1935 - Die Deutsche Weinstraße wird eröffnet

Stichtag

19. Oktober 1935 - Die Deutsche Weinstraße wird eröffnet

Einmal im Jahr werden in den Pfälzer Weinhochburgen die "Dubbegläser" knapp. Wenn am letzten Sonntag im August die Deutsche Weinstraße zum autofreien "Erlebnistag" lädt, sind Hunderttausende auf dem 85 Kilometer langen "Saumpfad der Glückseligkeit" (Eigenwerbung) unterwegs. Wie viele Schoppen Wein dabei aus den für die Region typischen Tupfengläsern gehoben werden, zählt niemand nach.

Die sanfte Hügellandschaft der Vorder- und Südpfalz, mit jährlich mehr als 1.800 Sonnenstunden als "deutsche Toskana" gerühmt, gilt als die älteste Weinregion hierzulande. Bereits im 3. Jahrhundert haben die Römer das mediterrane Klima genutzt und die ersten Rebstöcke gepflanzt.

Werbeverbund zur Existenzsicherung

Vor 80 Jahren schlossen sich rund 90 Winzergemeinden von Schweigen-Rechtenbach an der Grenze zum Elsass bis nach Bockenheim am Rande Rheinhessens zur Deutschen Weinstraße zusammen. In der damaligen Rheinpfalz steckt der Weinbau seit dem Ersten Weltkrieg in einer Krise, die sich 1930 durch Handelsbeschränkungen der französischen Besatzer verschärft. Als die Nazis nach 1933 auch noch den meist jüdischen Weinhändlern ihr Geschäft verbieten und die Preise durch eine Reben-Rekordernte 1934 dramatisch fallen, droht die wichtigste Erwerbsquelle der Region zu versiegen. Um den Zorn der um ihre Existenz kämpfenden Winzer zu besänftigen, greift NSDAP-Gauleiter Josef Bürckel die Idee einer Werbegemeinschaft auf, die den Weinabsatz und den Fremdenverkehr wieder ankurbeln soll.

In kürzester Zeit legt Bürckel, als einer der ranghöchsten NS-Schreibtischtäter für die massenhafte Deportation von Juden verantwortlich, die Route der Deutschen Weinstraße fest. Mit einem pompösen Festakt und einer Propagandarede gegen den französischen "Erbfeind" eröffnet er am 19. Oktober 1935 in Bad Dürkheim die erste deutsche Wein-Touristikroute: "Der Wein ist wahr – das Gelöbnis echt: Hier stehen Deutsche und nichts als Deutsche – im Westen die Feldwache der Nation.

Erfolgsmodell Weinstraße

Am folgenden Tag, einem Sonntag, der im ganzen Reich als "Fest der Traube und des Weines" gefeiert wird, rollt Josef Bürckel mit seiner Entourage als Erster über die Weinstraße. Die "Weihe" startet an einer schnell errichteten hölzernen Tor-Kulisse in Schweigen-Rechtenbach und macht auf dem Weg nach Norden, bejubelt von der pfälzischen Bevölkerung, in allen größeren Winzerorten Halt. Überall wird ein Schoppen gehoben, so dass die Nazi-Herren bald "der deutschen Sprache nicht mehr mächtig waren", wie der Historiker Johannes Ziegler weiß.

Das hölzerne Tor-Provisorium an der französischen Grenze weicht 1936 einem trutzigen Steinbau, das als "Deutsches Weintor" bis heute Touristen anlockt. Seit 1995 markiert in Bockenheim das im Stil eines römischen Kastells gebaute "Haus der Deutschen Weinstraße" das nördliche Ende der Reben-Route. Denn trotz ihrer braunen Vergangenheit hat sich die Deutsche Weinstraße dauerhaft zum Umsatzgaranten für die Pfälzer Winzer und den Fremdenverkehr entwickelt. Das erfolgreiche Werbemodell macht Schule, so dass die Republik inzwischen von Weinstraßen durchzogen ist. So können Trauben-Freunde an der Ahr eine Tour auf der Rotweinstraße machen, die Badische Weinstraße und den Rheingauer Rieslingpfad besuchen oder im Osten die Sächsische Weinstraße und das Saale-Unstrut-Anbaugebiet erkunden.

Stand: 19.10.2015

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