12. Oktober 1990 - Attentat auf Wolfgang Schäuble

Wolfgang Schäuble (CDU), Bundesinnenminister nach dem Attentat auf ihn am 12.10.1990

Stichtag

12. Oktober 1990 - Attentat auf Wolfgang Schäuble

"Ich wartete auf meinen Mann, er rief mich von Straßburg aus - wie immer - an: 'Ich bin jetzt gelandet und ich fahr jetzt zu einer Wahlveranstaltung nach Oppenau", erinnert sich Ingeborg Schäuble an den 12. Oktober 1990. Es werde nicht sehr spät an diesem Abend, sagt der CDU-Politiker Wolfgang Schäuble seiner Frau vor der Rede in seinem badischen Wahlkreis. Die letzten Monate waren anstrengend gewesen: Als Bundesinnenminister hatte er den Vertrag zur deutschen Einheit verhandelt.

Gegen 22 Uhr will Schäuble die "Brauerei Bruder" wieder verlassen. Der damalige "Stern"-Redakteur Hans-Peter Schütz begleitet seinen Freund zum Ausgang des Saales: "Wir liefen direkt nebeneinander." Plötzlich habe es geknallt. "Ich dachte, da sind jetzt die Luftballons geplatzt." Stattdessen schießt ein geistig verwirrter Mann drei Mal auf Schäuble. Zwei Kugeln treffen ihn in Gesicht und Rücken. Der Attentäter wird später im Prozess für schuldunfähig erklärt und in eine forensische Klinik eingewiesen.

"Warum habt Ihr mich nicht sterben lassen?"

"Viertel vor zehn, glaub ich, klingelte das Telefon und dann war aber nicht mein Mann am Telefon, sondern meine Tochter, weinend. Sie hat gesagt: 'Ich glaube, der Papa ist tot.'" Lebensgefährlich verletzt wird Schäuble in die Uni-Klinik Freiburg eingeliefert. Die Ärzte können den 48-Jährigen retten und die Kugel aus dem Wirbelkanal am Rückenmark entfernen. Aber sie befürchten, dass Schäuble bleibende Schäden davontragen könnte. "Als er aufwachte, wusste er schon, das er gelähmt ist", erinnert sich seine Frau. Er habe sich überlegt, was das alles bedeutet. "Und da hat er gesagt: 'Warum habt Ihr mich nicht sterben lassen?'"

Schäuble selbst schildert die Situation verklausulierter: "Das war so meine erste Reaktion, dass ich gesagt hab: 'Du, ich weiß gar nicht, ob das jetzt so furchtbar schön ist, wenn ich jetzt querschnittsgelähmt sein soll.' Aber vielmehr ist es auch nicht, wissen Sie." Nur wenige Wochen nach dem Attentat meldet er sich zurück im Amt: "Sicher ist, dass ich für absehbare Zeit im Rollstuhl werde leben müssen, und sicher ist allerdings auch, dass ich im Rollstuhl leben kann." Seine Verletzungen, die äußeren wie die inneren, überspielt Schäuble. Nur seine Frau weiß, wie es ihm wirklich geht. Als er zu Hause den neu eingebauten Treppenlift ausprobiert, kippt er nach hinten. "Das war für ihn ein Schock, weil's ihm halt vor Augen geführt hat, wie hilflos er sein kann in bestimmten Situationen", sagt Ingeborg Schäuble.

"Mir macht Politik immer noch Freude"

Abhängigkeit ist ein ungewohntes Gefühl für den erfolgreichen Wolfgang Schäuble - geboren 1942 in Freiburg, Jura-Studium, Promotion. Ab 1972 macht er Karriere in der CDU: Parlamentarischer Geschäftsführer, Bundesinnenminister, Chef des Kanzleramtes, "Kronprinz" von Kanzler Helmut Kohl. Als dieser 1998 abgewählt wird, steigt Schäuble zum Parteivorsitzenden der CDU auf. Aber wegen seiner Verwicklungen in die CDU-Spendenaffäre muss er das Amt 2000 niederlegen. Schäuble ist klar: Kanzler kann er nun nicht mehr werden. Fünf Jahre später holt ihn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihr Kabinett: zunächst als Innen-, ab 2009 als Finanzminister.

Schäuble arbeitet wie besessen, bricht 2010 zusammen und kämpft sich wieder zurück. "Wolfgang Schäuble wollte unbedingt um jeden Preis in der Politik bleiben", sagt sein Freund Schütz. "Er hat nie die Kraft gefunden zu sagen: 'Okay, jetzt reicht's mir, jetzt hör ich auf.'" Seit 43 Jahren sitzt Schäuble mittlerweile im Bundestag. So lange wie kein Abgeordneter zuvor: "Mir macht Politik immer noch Freude, sonst würd ich's auch nicht mehr machen." Der 73-Jährige gilt als politischer Hardliner: loyal, diensteifrig, verbissen - eine Folge des Attentats und seines Lebens im Rollstuhl? "Ich habe mal sehr unfreundlich reagiert, als mir unterstellt wurde, der Rollstuhl habe mich böse gemacht", sagt Schäuble. "Dann habe ich gesagt, das sind auch ziemlich fiese Vorurteile, das find ich unfair. Und dann habe ich mich dagegen gewehrt."

Stand: 12.10.2015

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