19. September 1995 - Manifest des "Unabombers" veröffentlicht

Theodore Kaczinsky

Stichtag

19. September 1995 - Manifest des "Unabombers" veröffentlicht

"In den letzten Monaten hatte ich viel weniger Probleme mit meinem Hass als sonst, denn jedes Mal wenn wieder eine Ungerechtigkeit passierte, zum Beispiel ein tieffliegender Jet, und ich im Zorn in mir aufsteigen spürte, beruhigte ich mich mit dem Gedanken: Wartet nur bis Sommer. Dann werde ich töten." Mit diesem Tagebucheintrag beginnt Theodore Kaczynski eine Art Kreuzzug gegen die Moderne. Der amerikanische Mathematiker schickt von 1978 bis 1995 Brief- und Paketbomben an ihm unbekannte Menschen. Er macht sie für das - angeblich durch die Technik verursachte - Elend der Welt verantwortlich.

Da zunächst vor allem Hochschulen und Fluggesellschaften Anschlagsziele sind, sprechen die Fahnder vom "University and Airline Bomber". Bald wird der meistgesuchte Terrorist der USA deshalb unter dem Spitznamen "Unabomber" gejagt. Das Leben von Kaczynski beginnt hingegen als Erfolgsgeschichte: Mit einem Intelligenzquotienten von über 165 erhält er schon als 15-Jähriger die Zulassung für die Eliteuniversität Harvard. 1967 er Assistenzprofessor für Mathematik an der Universität von Kalifornien in Berkley. "Ich fühlte, dass ich eine besonders wichtige Person und dem größten Teil der menschlichen Rasse überlegen war", notiert Kaczynski später in seinem Tagebuch.

In die Berge zurückgezogen

Ende der 1960er Jahre gibt Kaczynski seine vielversprechende Karriere plötzlich auf. Seine Abneigung gegen Technik, Zivilisation und menschlichen Fortschritt ist so groß, dass er sich in eine einsame Hütte in den Bergen von Montana zurückzieht. Als dort in der Nähe eine Straße gebaut wird, beginnt er im Mai 1978 seine Terrorakte. Auf einem Parkplatz deponiert Kaczynski ein Paket, versehen mit dem Absender eines Professor in Illinois. Es wird zurückgeschickt und detoniert, als es von einem Sicherheitsbeamten geöffnet wird. Dieser wird leicht verletzt.

Beim zehnten Anschlag wird 1985 im kalifornischen Sacramento der Computerhändler Hugh Scratton getötet. Er ist das erste von drei Todesopfern. Die Ermittler richten eine Hotline und eine Task Force ein, die Fahndung kostet 50 Millionen Dollar. Sie bleibt aber ohne Ergebnis. Die Anschläge, bei denen insgesamt 23 Menschen verletzt werden, gehen weiter - bis nach 16 Bomben die Redaktionen von "New York Times" und "Washington Post" im Juni 1995 ein anonymes Dokument erhalten. Es ist das Manifest des "Unabombers". Er verspricht: Wenn die Zeitungen seine Abrechnung mit der Moderne drucken, beendet er seine Attentate.

Bruder erkennt Schreibstil

"Die Folgen der Industriellen Revolution haben sich für die Menschheit als eine Katastrophe erwiesen", heißt es in dem Manifest mit dem Titel "Industrial Society and its Future" ("Die industrielle Gesellschaft und ihre Zukunft"). "Die kontinuierliche Entwicklung der Technologie wird die Lage weiter verschlimmern." Noch gewaltigere Naturschäden würden auftreten. Am 19. September 1995 veröffentlichen die Zeitungen den 35.000 Zeichen langen Text als Sonderbeilage von acht Zeitungsseiten.

Auch Kaczynskis Bruder David liest das Manifest und erkennt dessen Schreibstil. Er informiert das FBI und sein Verdacht bestätigt sich. Am 6. April 1996 wird Theodore Kaczynski in Montana verhaftet. Psychiater attestieren ihm paranoide Schizophrenie. Der "Unabomber" wird zu lebenslanger Haft verurteilt. Seinen Kreuzzug gegen die Moderne führt er bis heute - mit Briefen aus dem Gefängnis.

Stand: 19.09.2015

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