6. September 1970 - Ende des "Love and Peace Festivals" auf Fehmarn

Festival-Besucher in Schlafsäcken vor Zelt auf Wiese

Stichtag

6. September 1970 - Ende des "Love and Peace Festivals" auf Fehmarn

Inspiriert von Woodstock ein Jahr zuvor träumen im Sommer 1970 junge Menschen überall auf der Welt von "Love, Peace and Music". In Deutschland ist gerade der Kinofilm über das gigantische Rockfestival im Staat New York ein Riesenerfolg, Flower Power ist überall. Da haben drei Kieler Kneipenbesitzer, die auch gelegentlich Rockkonzerte organisieren, die tollkühne Idee, ein deutsches Woodstock auf der Ferieninsel Fehmarn zu schaffen.

Die Organisatoren haben zunächst viel Glück: Die Woodstock-Helden Jimi Hendrix, Ten Years After oder Canned Heat kosten ihren frischen Ruhm gerade in Europa aus und haben Anfang September noch Zeit. Zudem schießt Sex-Shop-Unternehmerin Beate Uhse 200.000 Mark vor. Mit dem Geld mieten die Wirte eine 50 Hektar große Wiese auf Fehmarn sowie eine Drehbühne und eine riesige Soundanlage aus England. Das war es schon mehr oder weniger mit den Vorbereitungen für das deutsche Woodstock. "Wir waren ein wenig naiv", räumt einer der drei Organisatoren Tim Sievers Jahre später ein.

Unerwarteter Besuch der Hells Angels

Zum ersten Festivaltag schaffen es trotz Verkehrschaos nicht nur 25.000 Besucher bis Fehmarn, sondern auch 180 "Hells Angels" aus Hamburg. Die Rocker bauen eine solche Drohkulisse auf, dass sie zu bezahlten Ordnern ernannt werden. Fortan schikanieren sie die Besucher, beschlagnahmen Alkohol, treten Beulen in Pkws. Noch schlimmer: Pünktlich mit Festivalbeginn setzt Dauerregen ein. Das Gelände versinkt im Matsch, die Musik geht in Sturmböen unter.

"Das Wasser wurde quasi vom Meer auf die Bühne gefegt", erinnert sich Ford Crull, Roadie der britischen Folk-Band Fotheringay. Deren Sängerin Sandy bekommt während des Auftritts immer wieder Stromschläge vom Mikrofon auf der nassen Bühne. Andere Gruppen treten erst gar nicht auf. Doch nicht nur auf der Bühne herrscht Chaos. Auch dem Publikum fehlt es an allem: Waschräumen, Toiletten, Essen. Schicksalsergeben und relativ friedlich - was wohl auch an den kursierenden Drogen liegt - lassen die Hippes zunächst alles über sich ergehen.

Magischer Moment mit Jimi Hendrix

Die Atmosphäre wird erst rauer, als Superstar Jimi Hendrix auf sich warten lässt. Erst Sonntagmittag, am 6. September 1970, steht der Meister schließlich auf der Bühne. Prompt bricht zum ersten Mal seit drei Tagen die Sonne durch die Wolken. Viele Zeitzeugen sprechen bis heute von einem "magischen Moment". Wohl auch, weil Fehmarn Hendrix' letztes Konzert sein wird. Nur zwölf Tage später nimmt der Gitarrist zu viele Schlaftabletten auf einmal und stirbt in London. Auf Fehmarn verabschiedet er sich von seinem Publikum mit den Worten: "Thank you. Good bye. Peace!"

Doch das von allen erhoffte Woodstock-Feeling kommt selbst am letzten Festivaltag mit Jimi Hendrix nicht auf. Es fängt wieder an zu regnen und hinter der Bühne wird die Lage brenzlig: Rocker und Festivalmitarbeiter fordern ihr Geld, aber die Veranstalter sind pleite und verschwunden. Als Rio Reiser noch sein "Macht kaputt, was euch kaputt macht" anstimmt, bricht das Inferno los. Unbekannte fackeln erst den Veranstaltercontainer ab, später auch Teile der Bühne. Die Polizei braucht Stunden, um die Lage in den Griff zu bekommen.

Nach Fehmarn traut sich in Deutschland fast zehn Jahre niemand mehr, ein großes Rockfestival zu veranstalten. Rock am Ring, die Loreley oder Wacken starten Jahre später als gut organisierter Teil der Eventkultur. In Fehmarn aber lebt die Legende weiter, ein Gedenkstein erinnert an Jimis letztes Konzert. Und in Büchern, Filmen, Websites blüht die "Fehmarn-Ich-War-Dabei"-Bekenntniskultur.

Stand: 06.09.2015

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