5. Juni 1975 - Wiedereröffnung des Suez-Kanals

An Bord des Zerstörers "6. Oktober" führte der ägyptische Staatspräsident Anwar El Sadat am 5. Juni 1975 den ersten offiziellen Schiffskonvoi auf dem seit Juni 1967 ungenutzten Suez-Kanal an

Stichtag

5. Juni 1975 - Wiedereröffnung des Suez-Kanals

Nach achtjähriger Sperre wird der mehr als 160 Kilometer lange Suezkanal wieder für die internationale Schifffahrt geöffnet: An Bord des Zerstörers "6. Oktober" führt der ägyptische Staatspräsident Anwar el-Sadat am 5. Juni 1975 den ersten offiziellen Schiffskonvoi an. "Die Feierlichkeiten begannen am Vormittag in Port Said, als ein islamischer Geistlicher Verse aus dem Koran vorlas", berichtet WDR-Korrespondent Erwin Behrens. Den musikalischen Rahmen bildet der Triumphmarsch aus Giuseppe Verdis Ägypten-Oper "Aida".

Auch für zwei deutsche Reedereien gibt es Grund zu feiern. Ihre Schiffe gehören zu 14 Frachtern, die seit dem Sechs-Tage-Krieg zwischen Israel und Ägypten im Suezkanal festsitzen. Endlich dürfen sie ihre Fahrt vom Roten Meer in Richtung Mittelmeer fortsetzen. "Wir kommen hier mit der 'Nordwind' - zusammen mit der 'Münsterland' - aus dem Großen Bittersee, einem Teil des Suezkanals, wo die Schiffe seit fast acht Jahren stillgelegen haben", meldet Kapitän Peter Leder über Funk.

Wechselnde Kontrolle

Das erste Mal eröffnet wird der Suezkanal am 17. November 1869 nach zehn Jahren Bauzeit. Unter der Leitung des französischen Unternehmers Ferdinand de Lesseps haben rund 1,5 Millionen Arbeiter die Wasserstraße durch die Wüste ausgehoben. Als Ägypten 1875 vor dem Bankrott steht, übernehmen die Briten das Aktienpaket des ägyptischen Staates und erhalten großen Einfluss auf den Kanal. 1888 wird der Suezkanal zur neutralen Zone erklärt. Schiffe aller Nationen dürfen den Kanal gegen Gebühren befahren.

Die britische Kontrolle bleibt bestehen, bis 1956 der ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser den wirtschaftlich bedeutenden Wasserweg verstaatlicht. Das löst die Suezkrise aus: Die israelische Armee rückt durch den Sinai bis zum Kanal vor, britische und französische Truppen besetzen die Kanalzone. Unter internationalem Druck wird der Konflikt aber rasch wieder beigelegt. 1967 verliert Ägypten die Kontrolle über den Suezkanal: Im Sechs-Tage-Krieg rückt Israel wieder bis zum Ostufer vor. Der Kanal wird von Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser aus Protest geschlossen. 1973, am höchsten israelischen Feiertag Yom Kippur, greift Ägypten überraschend die israelische Besatzungsmacht auf dem Sinai an. Nach einem Gegenangriff der Israelis vermitteln die Vereinten Nationen einen Waffenstillstand. Die Israelis ziehen sich teilweise aus dem Sinai zurück. Der Kanal ist nun wieder unter vollständiger ägyptischer Kontrolle.

Nach Sperrung fehlt der Tiefgang

Während der acht Jahre langen Sperrung des Suezkanals hat sich die Schifffahrt verändert. Die Tanker, die vom Persischen Golf kommen, haben ihre Ladungskapazität verdoppelt oder verdreifacht. Sonst hätte sich der rund 4.500 Seemeilen lange Umweg um das afrikanische Kap der Guten Hoffnung nicht rentiert. Auch der Frachttransport wird inzwischen mit Container-Schiffen erledigt, deren Tiefgang der Kanal nicht gewachsen ist. "Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist der Kanal in keiner Weise instand gehalten oder erweitert worden", sagt Suezkanal-Expertin Caroline Pique von der Pariser Sorbonne.

Mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft und der Weltbank investiert Kairo hohe Summen, um den Kanal den neuen technischen Anforderungen anzupassen. Nach der Wiedereröffnung nutzen zunächst kleinere Schiffe den Kanal. Die Deviseneinnahmen für Ägypten steigen im Lauf der Jahrzehnte ständig - bis auf 5,5 Milliarden Dollar im Jahr 2014. Derzeit wird der Suezkanal in einem riesigen Bauprojekt erweitert: Die Kapazität von 97 Ozeanriesen pro Tag soll verdoppelt werden.

Stand: 05.06.2015

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