12. April 1975 - Josephine Baker stirbt in Paris

Stichtag

12. April 1975 - Josephine Baker stirbt in Paris

Jeden Abend neue Attraktionen: Paris ist in den Goldenen Zwanzigern des letzten Jahrhunderts eine pulsierende Stadt. Das Publikum giert nach Sensationen - nach Exotik und Erotik. Der Maler Fernand Léger rät deshalb dem Besitzer des Théâtre des Champs-Elysées, der eine neue Show auf die Bühne bringen will: "Gib ihnen Neger. Nur noch Neger können Paris in Aufruhr versetzen." Sein Rat zeigt Wirkung: Bei der Premiere der "Revue nègre" am 2. Oktober 1925 macht die US-Amerikanerin Josephine Baker, was noch keine vor ihr getan hat. Sie tanzt halb nackt zum bis dahin in Frankreich weitgehend unbekannten Charleston.

Dabei verdreht die Barbusige ihren muskulösen Körper, zuckt ekstatisch, räkelt sich und wirbelt in schnellen Bewegungen leichtfüßig herum. Manche Zuschauer verlassen schockiert den Saal, andere sind begeistert. Der Pariser Revue-Kritiker André Levinson schreibt: "Josephine ist kein groteskes schwarzes Tanzgirl mehr, sondern jene schwarze Venus, die den Dichter Baudelaire in seinen Träumen heimsuchte." Baker ist mit einem Schlag berühmt.

Etabliert den "Jazz hot" in Europa

Geboren wird Josephine am 3. Juni 1906 in St. Louis im US-Bundesstaat Missouri als uneheliches Kind der Wäscherin Carrie McDonald. Die Schule muss sie unterbrechen, weil sie zu Hause bei der Betreuung ihrer drei Geschwister helfen muss. Mit elf Jahren erlebt sie, wie bei einem rassistischen Übergriff am 2. Juli 1917 in East St. Louis rund 100 Schwarze massakriert werden. Das Ereignis prägt sie tief. Tanzen ist ihr einziger Lichtblick. Im Jahr darauf verlässt sie die Schule und heiratet bald darauf den Zugbegleiter Willie Baker, dessen Nachnamen sie zeitlebens behält.

Mit einer Wandertruppe gelangt Baker bis nach New York, tritt erfolgreich am Broadway auf - unter anderem im ersten von Schwarzen komponierten Musical "Shuffle Along". Obwohl Baker stets in der letzten Reihe tanzt, bietet ihr Caroline Reagan, eine wohlhabende Weiße und Förderin der schwarzen Musik, ein Engagement in der "Revue Nègre" in Paris an. Baker ergreift die Chance, verlässt ihren Mann und geht nach Frankreich. Paris feiert Baker. Sie ist die Femme Nouvelle mit Kurzhaarschnitt, die sich um Konventionen nicht schert und manchmal nur mit einem Bananenröckchen oder Federboas bekleidet auftritt. Sie etabliert den "Jazz hot" in Europa und gründet Ende 1926 ihren eigenen Nachtklub "Chez Josephine" in der Rue Pigalle.

Kleine UNO mit zwölf Adoptivkindern

Im Laufe der Jahre wird Baker immer mehr zur Chanson-Sängerin, die nun gazellenhaft tanzt. 1936 tritt sie noch einmal in New York auf. Als sie als Schwarze beschimpft wird und einige Restaurants nicht betreten darf, fliegt sie zurück nach Paris. Ein Jahr später wird sie französische Staatsbürgerin. "Ich glaube, Frankreich hat mich adoptiert, das hat mich entfaltet", sagt sie später. Das Land habe ihren Sinn für Menschlichkeit entwickelt. "Und das ist für mich das Wichtigste in meinen Leben."

Im Zweiten Weltkrieg arbeitet Baker für das Rote Kreuz, singt für die französischen Truppen und schließt sich der Résistance an. Nach dem Krieg kauft sie mit ihrem vierten Ehemann das Schloss "Les Milandes" in Südfrankreich, wo sie mit ihren zwölf Adoptivkindern aus allen Erdteilen lebt und sich zur Ruhe setzt. Mit ihren "Regenbogenkindern" will Baker ihre eigene kleine UNO schaffen: "Natürlich behaupten viele Menschen, es gäbe unterschiedliche Rassen. Ich denke, es gibt nur eine Rasse, die menschliche Rasse." 1963 nimmt Baker an der Großdemonstration für die Rechte der Afro-Amerikaner in Washington teil und spricht an der Seite von Martin Luther King.

Comeback mit autobiographischer Show

Doch Schloss und Kinder kosten Geld. Baker gerät in wirtschaftliche Schwierigkeiten, trotz der Hilfe von Brigitte Bardot wird das Schloss 1969 versteigert. Baker zieht mit ihrer Familie in eine Villa, die ihr von Fürstin Grace von Monaco geschenkt wird. Baker startet ein Comeback und feiert am 8. April 1975 die umjubelte Premiere ihrer autobiobrafische Show "Josephine". Dabei verausgabt sich die 68-Jährige offenbar völlig. Vier Tage später, am 12. April 1975, stirbt sie während des Mittagsschlafes in Paris an einem Schlaganfall.

Stand: 12.04.2015

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