2. März 1825 - Themse-Tunnel wird gebaut

Grundsteinlegung Themse-Tunnel

Stichtag

2. März 1825 - Themse-Tunnel wird gebaut

Am 2. März 1825 sind die Straßen in der Londoner Gemeinde Rotherhithe mit britischen Flaggen geschmückt. Alles, was Rang und Namen hat, begibt sich zum Ufer der Themse, wo die Bauarbeiten für ein bahnbrechendes Verkehrsprojekt beginnen: Ein Tunnel soll das Nordufer der Themse mit der Südseite verbinden. "Es gab einen riesigen Zuckergusskuchen in Form des Tunnels und sie vergruben einige Flaschen Claret mit dem Vorsatz, sie zu leeren, wenn sie drüben angekommen wären", erzählt Robert Hulse, Direktor vom Londoner Thames Tunnel Museum, über den Tag der Grundsteinlegung.

Doch es dauert 18 Jahre - sechs Mal so lang wie geplant - bis der Wein getrunken und die ersten Bürger unterirdisch von Rotherhithe ans andere Ufer nach Wipping schlendern können. Schon bei der Planung ist klar, dass die Bauarbeiten vor allem wegen des sandig-weichen, stinkig-modrigen Flussbettes eine enorme technische Herausforderung sind. Architekt Marc Brunel nennt das Projekt vorsichtshalber noch "Brücke unter der Themse". Das Wort "Tunnel" klingt ihm zunächst zu gewagt. Doch der erfahrene Ingenieur ist überzeugt, dass er die ambitionierten Pläne - es wäre der erste Tunnel unter einem Fließgewässer - umsetzen kann.

Buddeln wie die Würmer

Inspiriert von einem Schiffsbohrwurm konstruieren Marc Brunel und sein aufstrebender Sohn Isambard Kingdom Brunel ein Stahlgerüst, das den Tunnel nach allen Seiten abstützt und Stück für Stück weiter geschoben werden kann. Wie sich der Wurm durch das Holz frisst und seine Röhre mit einem ausgeschiedenen Sekret stabilisiert, graben die Arbeiter vorne auf dem Gerüst. Dahinter verstärken Maurer die Wände und Decken mit Ziegeln. Mit dieser Schildvortriebsmethode werden seitdem alle Tunnel dieser Welt gebaut.

Doch während heute Bohrköpfe die Schmutzarbeit verrichten, sind die Bedingungen im Londoner Tunnel brutal: Durch Spalten regnet den ganzen Tag lang das Themsewasser auf die Männer. "Das wäre auch heute nicht angenehm. 1825 aber war die Themse der größte Abwasserkanal der Welt", erklärt Hulse. Das Kloakenwasser ist nur eines der Probleme. Der Untergrund ist ein ehemaliges Sumpfgebiet, austretendes Faulgas macht die Arbeiter reihenweise krank. Doch die größte Gefahr ist ein möglicher Wassereinbruch. Die Angst davor bereitet Marc Brunel schlaflose Nächte und er notiert: "Trotz aller Vorsicht von unserer Seite, kann dennoch ein Unglück passieren."

Das Geld wird knapp

Kurze Zeit später dringen große Wassermassen ein. Verletzt wird niemand, aber es sind gerade einmal 100 von den vorgesehenen knapp 400 Metern fertig, das Geld ist verbraucht. Bei einem unterirdischen Gala-Diner sollen neue Kapitalgeber gefunden werden. "Es wurden lange, damastgedeckte Tische aufgestellt, und im November 1827 kamen die Großen und Würdigen und aßen im Tunnel von silbernen Tellern und tranken aus Kristallgläsern", beschreibt Hulse die Feier. Und tatsächlich fließt neues Geld für den Bau. Nur wenige Wochen nach der Spenden-Gala schlägt das Wasser erneut zu: Sechs Arbeiter ertrinken in den Fluten. Das scheinbare Aus für das einst gefeierte Bauwerk. Die Arbeiten ruhen mehr als sieben Jahre lang.

Doch London will seinen guten Ruf als Weltstadt der Ingenieure nicht mit einem halb fertigen Tunnel ruinieren. Das Parlament bewilligt den Weiterbau. Als der Tunnel endlich fertiggestellt ist, fehlt das Geld für Zufahrten. Aus der ursprünglich für Pferdegespanne geplanten Unterführung wird ein Fußgängertunnel. Immerhin ein erfolgreicher: Am Eröffnungstag drängeln sich 50.000 Besucher hinab. "1843 war die Vorstellung, unter einem Fluss zu laufen, als würde man auf dem Mond spazieren, Science Fiction – Jules Verne war übrigens auch hier", erzählt Museumsdirektor Hulse.

Die "Brücke unter der Themse" wird zur Londoner Touristen-Attraktion mit einer Million Besucher in den ersten drei Monaten. Ab 1869 nutzen U-Bahnen den Tunnel. Die wenigsten Passagiere, die heute in der Bahn unter der Themse rauschen, dürften sich klar darüber sein, dass sie durch die erste menschengemachte Unterquerung eines Flusses fahren.

Stand: 02.03.2015

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