22. April 1915 - Erster deutscher Giftgas-Einsatz bei Ypern

Ein englischer Kriegsgefangener mit einem Gesichtsverband nach einem Gasangriff in Flandern nach 1915, der von einem deutschen Soldaten abgeführt wird (Aufnahmedatum unbekannt)

22. April 1915 - Erster deutscher Giftgas-Einsatz bei Ypern

Ypern, Oktober 1914: Hunderte Familien verlassen die kleine Stadt im Westen von Belgien. Seit wenigen Monaten tobt der Erste Weltkrieg. Die Westfront rückt immer näher. Auch rund 60 Dörfer rund um Ypern werden geräumt.

Nach heftigen Gefechten kommt die Front kurz vor Ypern zum Stehen. Schützengräben werden ausgehoben. "Die Briten und Franzosen auf der einen Seite und die Deutschen auf der anderen hatten ungefähr gleich viele Soldaten und die gleiche Ausrüstung", sagt der belgische Historiker Franky Bostyn. "Das war ein großes Problem: Wie sollten sie so die Gefechtslinie der anderen durchbrechen?"

In Deutschland arbeitet der Chemiker Fritz Haber an einer Antwort. Er will die feindlichen Soldaten mit Giftgas aus den Schützengräben treiben - obwohl der Einsatz chemischer Waffen völkerrechtlich verboten ist.

Bis dahin war Gift als Waffe jedoch nicht besonders effektiv. Darum setzt Haber schließlich auf Chlorgas. Der Stoff schädigt die Atemorgane, führt schnell zum Erbrechen und bei genügend hoher Konzentration zum Tod durch Ersticken.

Farbige Kreuze kennzeichnen Giftstoffe

Am 22. April 1915 überwacht Haber in der Nähe von Ypern den ersten Einsatz seiner Erfindung. 6.000 Stahlflaschen mit Chlorgas stehen bereit.

Sieben Mal ist der Gas-Angriff bereits aufgrund der Wetterverhältnisse verschoben worden. Gegen 18 Uhr stimmt die Windrichtung aus deutscher Sicht. Haber gibt den Befehl, die Flaschen zu öffnen. Der Gegner wir überrascht.

"Damit hatten die Franzosen nicht gerechnet", sagt Historiker Bostyn. "Obwohl sie es hätten wissen müssen, es gab Hinweise, aber der Geheimdienst hatte versagt." Tausende Soldaten ersticken an diesem Tag an Chlor, viele werden schwer verletzt.

Vorbei ist der Krieg nach dem ersten Giftgas-Angriff noch lange nicht. Zwar klafft nun eine Lücke im Frontverlauf. "Aber weil die deutschen Kommandeure am Erfolg der Mission gezweifelt hatten, standen nicht genügend Truppen bereit, um Ypern einzunehmen", so Bostyn.

Stattdessen beginnt ein Wettrüsten. Alle Kriegsparteien entwickeln nun chemische Waffen. Immer neue Stoffe gelangen an die Front.

Schon bald werden die Granaten mit farbigen Kreuzen markiert, um sie unterscheiden zu können. Grün kennzeichnet lungenschädigende Stoffe wie Chlor und Phosgene. Gelb steht für das Senfgas, das die Haut verätzt und auch "Yperit" genannt wird. Blau zeigt an, dass es sich um Reizstoffe handelt, die durch die Filter der neu entwickelten Gasmasken dringen und zum Absetzen der Maske zwingen.

90.000 Soldaten sterben durch Gas

Die chemischen Waffen sind allerdings nicht kriegsentscheidend. Trotzdem versetzt Giftgas die Soldaten an der Front mehr in Angst als andere Waffen. Insgesamt werden im Ersten Weltkrieg mehr als neun Millionen Soldaten getötet, rund 90.000 von ihnen sterben durch Gas.

Nach Kriegsende wird der deutsche Verstoß gegen das Völkerrecht kaum thematisiert. Vermutlich, weil sich auch die anderen Kriegsparteien nicht unschuldig fühlen: "Wenn die Deutschen nicht mit dem Gas angefangen hätten, wären es die Franzosen gewesen", so Historiker Bostyn. Darin seien sich die Experten einig. "Am Ende haben die Deutschen und die Alliierten etwa gleich viel Gas eingesetzt. Jeder war schuldig."

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Stand: 22.04.2015, 00:00