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Eine Villa in Berlin Grunewald

1. November 1976 - Erstes Frauenhaus in Westdeutschland öffnet

Stand: 26.10.2021, 14:10 Uhr

Deutschland Mitte der 1970er Jahre: Geschätzt eine Million Frauen werden von ihren Ehemännern oder Partnern misshandelt. Am 1. November 1976 öffnet in Berlin Deutschlands erstes Frauenhaus, um diesen Frauen eine Zuflucht zu bieten.

"Das Haus war nicht eingerichtet, wir hatten kein Telefon, wir hatten eigentlich noch gar nichts, und die Frauen standen vor der Tür", erinnert sich die Mitgründerin Karin Kaltenberg. Zwei Jahre lang hatte sie mit einer kleinen Gruppe aus der autonomen Frauenbewegung dafür gekämpft.

Erstes Frauenhaus der BRD in Berlin eröffnet (am 01.11.1976)

WDR ZeitZeichen 01.11.2021 14:43 Min. Verfügbar bis 02.11.2099 WDR 5


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Schnell ist die alte Villa im noblen Berliner Stadtteil Grunewald überfüllt: Etwa 50 Frauen und ihre Kinder drängen sich in fünfzehn Zimmern. Im ersten Vierteljahr beherbergt das Frauenhaus rund 500 Frauen mit Nachwuchs. Manche stehen nachts vor der Tür, andere werden vom Krankenhaus-Arzt geschickt.

Die Frauen waren geschlagen, getreten, gewürgt, verbrannt, verbrüht, vergewaltigt worden. Ihre Ehemänner oder Partner hatten sie mit der Hundeleine verprügelt, ihnen die Zähne ausgeschlagen, ihnen die Knochen gebrochen. Sie misshandeln die Kinder, halten das Baby aus dem Fenster. Weil sie eifersüchtig sind, Ärger am Arbeitsplatz haben, das Essen nicht schmeckt, das Kind schreit.

Brandsätze gegen das Frauenhaus

Als die Adresse des Frauenhauses bekannt wird, versuchen immer wieder Männer, ihre Frauen zurückzuholen - mit rosigen Versprechungen oder mit Gewalt.

Johanna Kootz, ebenfalls Gründerin des Berliner Frauenhauses, erinnert sich: "Die Frauen wurden abgefangen, das Frauenhaus wurde mehrfach mit Brandsätzen angezündet, und - es war ’ne richtig gefährliche Situation.

Und ich fand’s auch dann schrecklich, dass wir diese Sicherheitsmaßnahmen, also nicht nur Fenster, Türen, Zäune, sondern auch eben Lichtschranken und all diese Geschichten ganz ernst nehmen mussten."

Auch Köln bekommt ein Frauenhaus

Der Bedarf an den Zufluchtsorten für Frauen ist groß. Schon im Dezember 1976 entsteht in Köln auf Initiative von Sozialpädagogik-Studentinnen ein weiteres Frauenhaus.

Sie gründen den Verein "Frauen helfen Frauen" und finden heraus, dass allein in ihrer Stadt rund 300 Frauen pro Jahr bei sozialen Einrichtungen und Polizei Schutz suchen. Oft wollen sich die Beamten aber nicht in die Privatsphäre der Familie einmischen.

Misshandlungen sind kein Scheidungsgrund

Bis 1977 gilt bei Scheidung noch das Schuldprinzip: Wer den Ehepartner, die Ehepartnerin grundlos verlässt, gilt als schuldig und hat keinen Anspruch auf Unterhalt. Misshandlungen sind kein Grund.

Betroffene Frauen müssen um das Sorgerecht für ihre Kinder fürchten. Zum Wohnen bleibt für sie selbst nur das Obdachlosenasyl und für die Kinder das Heim.

Corona-Pandemie hat die Gewalt verschlimmert

45 Jahre nach Öffnung des ersten Frauenhauses in Deutschland wird alle 45 Minuten eine Frau von ihrem Ehemann, Partner oder Ex misshandelt, jeden dritten Tag wird eine Frau von ihrem Ehemann, Partner oder Ex getötet. Die Corona-Pandemie hat die Gewalt noch verschlimmert. Aktuell gibt es in Deutschland rund 350 Frauenhäuser mit etwa 6.300 Plätzen. Nicht genug: Jede zweite Anfrage auf Aufnahme muss derzeit abgelehnt werden.

Dabei empfahl der Europarat bereits im Jahr 2006, dass es einen Frauenhausplatz pro 7.500 gemeldete Personen geben soll. Diese Zahl erreichen derzeit nur die Bundesländer Bremen und Berlin. Besonders schlecht sieht es im Saarland, in Sachsen und Bayern aus. Bundesweit fehlen rund 14.500 Plätze.

Autorin des Hörfunkbeitrags: Ariane Hoffmann

Redaktion: Christoph Tiegel

Programmtipps:

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 1. November 2021 an die Öffnung des ersten Frauenhauses in Deutschland. Das "ZeitZeichen" gibt es auch als Podcast.

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