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Adolph Freiherr Knigge, Autor des Buches "Über den Umgang mit Menschen" von 1788

Im Januar 1788 - Adolph Freiherr Knigge veröffentlicht sein Buch "Über den Umgang mit Menschen"

Adolph Knigge gilt heute als Anstandspapst. Doch in seinem Buch "Über den Umgang mit Menschen" von 1788 geht es nicht um steife Benimmregeln. Der Freiherr setzt vielmehr auf Aufklärung und Wertschätzung.

"Es geht um die Kunst, sich nach den Temperamenten, Einsichten und Neigungen der Menschen zu richten, ohne falsch zu sein." 1788 - ein Jahr vor der Französischen Revolution - veröffentlicht Adolf Freiherr Knigge sein Buch "Über den Umgang mit Menschen". Darin fasst er seine Beobachtungen der Gesellschaft zusammen, die sich im Umbruch befindet. Sein Ziel ist es, im Zeitalter der Aufklärung Empfehlungen für ein wertschätzendes Miteinander zu geben.

Ob Kartoffeln nun mit der Gabel zerdrückt oder mit dem Messer geschnitten werden, interessiert Knigge wenig. Für ihn zählt das Verhalten, das anderen genügend Freiraum und Würde lässt - ohne dabei seine eigene Persönlichkeit zu verleugnen. Es geht ihm darum, "sich ungezwungen in den Ton jeder Gesellschaft stimmen zu können". Keine leichte Aufgabe in der ständischen Hierarchie des 18. Jahrhunderts von Adel, Bürgertum, Bauern und Armen.

Am Hof "umringt von eitlen Schafsköpfen"

Der 1752 auf Gut Bredenbeck bei Hannover geborene Knigge weiß aus eigener Erfahrung, wie schwierig das ist. Er ist elf, als seine Mutter stirbt, und 14, als er nach dem Tod seines Vaters Vollwaise wird - und Schulden in Höhe von 100.000 Reichstalern erbt. Dank einer Apanage kann er trotzdem Jura und kameralistische Buchführung studieren. Um seine Schulden loszuwerden, ist der adelige Freiherr gezwungen, wie ein Bürgerlicher zu arbeiten.

Seine Anstellung beim Landgrafen von Kassel gibt Knigge Einblick ins Leben am Hofe, über das er sich ärgert: "Man ist umringt von eitlen Schafsköpfen, die sorglos sich in Üppigkeit und Faulheit herumwälzen." Knigge, der als Verehrer Rousseaus auf Natürlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit setzt, eckt an. Es mangelt ihm angeblich an höfischer Etikette und einer korrekten Frisur.

Knigges "Über den Umgang mit Menschen" erscheint (am 02.01.1788)

WDR ZeitZeichen 02.01.2023 14:47 Min. Verfügbar bis 02.01.2090 WDR 5


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Scherze mit Konsequenzen

Auch seine Scherze kommen nicht gut an. Knigge stopft zum Beispiel einer Dame Maikäfer in das Dekolleté, singt unflätige Strophen in Anwesenheit des Landgrafen und versteckt während eines Banketts den Schuh einer Kammerzofe. Wenn er wegen seines Verhaltens Höfe verlassen muss, reagiert er selbstbewusst: "Was kümmert Dich am Ende das Urteil der ganzen Welt, wenn Du tust, was Du tun sollst?"

Knigge ist nicht an verschiedenen Fürstenhöfen angestellt. Er arbeitet auch als Schriftsteller, Journalist, Übersetzer und Theaterleiter. Darüber hinaus ist er Anhänger des Ordens der Illuminaten und kann dafür sogar Goethe als Mitglied gewinnen. Für die Freimaurerei interessiert sich der Freiherr ebenfalls.

Zum Benimm-Ratgeber umgemodelt

Als Knigge 1796 mit 43 Jahren in Bremen stirbt, hinterlässt er ungezählte Romane, Erzählungen und Essays. Doch nur sein Bestseller "Über den Umgang mit Menschen" bleibt in Erinnerung. Allerdings wird das Buch von unbekümmerten Lektoren immer mehr in einen Benimm-Ratgeber umgemodelt.

Denn es gibt beim Lesepublikum ein großes Interesse an klassischer Etikette. Da bieten sich Knigges Tipps fürs Verhalten bei Hofe bestens an. Doch das ist ein Missverständnis: Knigge geht es um Ideen wie Respekt und Anstand, nicht ums Falten von Servietten oder Dresscodes. Er will nicht die Unterschiede betonen, sondern die Gemeinsamkeiten. "Die Kunst des Umgangs mit Menschen besteht darin, sich geltend zu machen, ohne andere unerlaubt zurückzudrängen."

Autorin des Hörfunkbeitrags: Martina Meißner
Redaktion: Gesa Rünker

Programmtipps:

ZeitZeichen auf WDR 5 (9.45 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 2. Januar 2023 an das Buch "Über den Umgang mit Menschen" von Adolph Knigge. Das ZeitZeichen gibt es auch als Podcast.

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