Mit Mackie Messer zum Welterfolg

Mit Mackie Messer zum Welterfolg

Nach Erfolg sah es erst gar nicht aus. Die Proben zur Dreigroschenoper waren mehr als chaotisch. Doch sie wurde zu Bertolt Brechts größtem Erfolg. Mit "Mackie Messer" schrieb er Theatergeschichte. Vor 90 Jahren war die Uraufführung in Berlin.

Mann mit schwarzem Hut und Anzug auf der Bühne

Premiere: Campino als Schauspieler auf der Bühne – 2006 in der Inszenierung der Dreigroschenoper von Klaus Maria Brandauer. Berühmte Namen, die Erwartungen waren groß. Ebenso bei der Uraufführung am 31. August 1928, vor genau 90 Jahren. Bertolt Brecht hat mit der Dreigroschenoper Theatergeschichte geschrieben.

Premiere: Campino als Schauspieler auf der Bühne – 2006 in der Inszenierung der Dreigroschenoper von Klaus Maria Brandauer. Berühmte Namen, die Erwartungen waren groß. Ebenso bei der Uraufführung am 31. August 1928, vor genau 90 Jahren. Bertolt Brecht hat mit der Dreigroschenoper Theatergeschichte geschrieben.

Keine durchkomponierte Oper, sondern "episches Theater", keine klassischen Opernsänger, sondern singende Schauspieler: Brecht kritisiert in der Dreigroschenoper die bürgerlich-kapitalistische Welt der Weimarer Republik. Nach seiner Idee vom "epischen Theater" sollen die Zuschauer über die Zustände reflektieren anstatt sich in die illusionäre Welt hineinziehen zu lassen.

Schauort ist die Londoner Unterwelt mit Bettlern, Räuber, Huren. Es geht um die Rivalität zwischen dem Bettlerkönig Jonathan Peachum und Gangster Jeff Macheath, genannt Mackie Messer. Der entführt Peachums Tochter Polly und will sie heiraten. In einem Pferdestall im Verbrecherkiez Soho schwören sie sich ewige Liebe. Es könnte so schön sein – ist es aber nicht. Bald nach der Hochzeit geht Mackie Messer wieder zu den Huren.

Als Vorlage für das Stück dient John Gays damals 200 Jahre alte "Beggar's Opera"– Bettleroper – mit ihrem lang anhaltenden, außergewöhnlichen Erfolg. Elisabeth Hauptmann wird davon angezogen. Sie ist Mitarbeiterin, Lektorin und Geliebte des damals 28-jährigen Brechts. Sie liest und übersetzt die Oper und legt Brecht das Manuskript vor. Er tüftelt daran herum. Es ist der Anfang der Dreigroschenoper.

Und dann muss alles ganz schnell gehen. Es kommt der Auftrag, zur Eröffnung für das neue Theater am Schiffbauerdamm in Berlin etwas Neues zu schreiben. Etwas, das zieht. Kurt Weill (hier mit seiner Frau Lotte Lenya, die schließlich die Spelunkenjenny spielt) ist Brechts Mann, der die Musik komponieren soll. Brecht und Weill ziehen sich nach Südfrankreich zurück. Und entwickeln dort in ein paar Wochen das Jahrhundertwerk. Aber nach Erfolg sieht es anfangs gar nicht aus. Im Gegenteil.

Die Proben verlaufen chaotisch – Krach, Absagen, Zickenkrieg. Es ist ein drückender Sommer in Berlin und die Nerven liegen blank. Publikum und Presse sind reserviert. "Sie werden jetzt eine Oper hören. Weil diese Oper so prunkvoll gedacht war, wie nur Bettler sie erträumen, und weil sie so billig sein sollte, dass Bettler sie bezahlen können, heißt sie 'Die Dreigroschenoper'", so Brecht im Vorwort auf der späteren Schallplattenaufnahme.

Und dann betritt bei der Premiere ein Moritatensänger mit Leierkasten die Bühne. Es ist der Geburtsmoment eines Welthits: Die "Moritat von Mackie Messer": "Und der Haifisch, der hat Zähne..."

Die Stimmung im Parkett ist zunächst ziemlich kühl. Doch beim "Kanonensong" bricht das Eis. Die Leute rasten aus, der Song muss wiederholt werden. An diesem heißen Augustabend 1928 beginnt das "Dreigroschenfieber". Songs wie das Lied der Seeräuber-Jenny oder die "Ballade vom angenehmen Leben" werden von der Unterhaltungsindustrie aufgesogen. Der letzte Schrei sind Dreigroschenspelunken, in denen sich die Damen als Huren und die Herren als Zuhälter kostümieren.

Mit den Urheberschaften ist es allerdings so eine Sache. Die Dreigroschenoper bediene sich weiterer Dichterquellen, ohne sie anzugeben, so die Kritik. Und der Titel des Stücks stammt eigentlich von Lion Feuchtwanger, der nach einem Probenbesuch die Idee hatte. Ein kleiner Plagiatsskandal – Brecht entschuldigt sich lapidar mit seiner "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums".  

Bis 1931 haben 120 Theater die Dreigroschenoper auf dem Programm, sie wird über 4000 mal gespielt. 1933 ist das Stück schon in 18 Sprachen übersetzt und kommt in Europa auf mehr als 10.000 Vorstellungen. Mit der Machtübernahme der Nazis ist das vorbei. Die Dreigroschenoper steht nun ganz oben auf der Liste dessen, was fortan in Deutschland verboten ist. Brecht und Weill verlassen das Land.

Doch als sich die Verhältnisse nach 1945 noch einmal wenden, ist die Dreigroschenoper im neuen Deutschland sofort wieder da. Sie ist aktuell und zeitlos, die Musik unvergessen. 1962 wird sie verfilmt, mit Gert Fröbe als "Bettlerkönig" Peachum.

Und aktuell zum 90-jährigen Jubiläum der Uraufführung erzählt "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" die eher unbekannte Geschichte um den Streit der ersten Verfilmung 1931 – mit Lars Eidinger als Bertolt Brecht. Die Handlung erzählt von dem Film, den Brecht aus seinem Stück machen wollte – und nie gemacht hat. Mitte September 2018 kommt "Brechts Dreigroschenfilm" in die deutschen Kinos. Brechts und Weills Geniestreich vor 90 Jahren ist gelungen.
Autor des WDR ZeitZeichens ist Holger Noltze

Stand: 30.08.2018, 14:49 Uhr