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Mythos Bude

Von Antonia Kasparek

Ob man sie Büdchen, Buden, Kioske oder Trinkhallen nennt: Die kleinen Verkaufsstellen für Süßigkeiten, Zeitungen, Tabakwaren und vieles mehr gibt es seit über 100 Jahren und sind vor allem in Ballungsräumen präsent. Wir stellen ein paar Büdchen im Revier vor.

Kiosk in Wattenscheid

Ein Büdchen gibt es im Ruhrgebiet fast bei jedem "umme Ecke", es ist fester Bestandteil des Lebens im Revier. Oft ist die Bude der Treffpunkt im Stadtteil: Hier trifft man sich, kauft ein und ist unter Bekannten. Diese Bude in Bochum dürfte eine der kleinsten sein, die im Revier zu finden sind.

Ein Büdchen gibt es im Ruhrgebiet fast bei jedem "umme Ecke", es ist fester Bestandteil des Lebens im Revier. Oft ist die Bude der Treffpunkt im Stadtteil: Hier trifft man sich, kauft ein und ist unter Bekannten. Diese Bude in Bochum dürfte eine der kleinsten sein, die im Revier zu finden sind.

Als "Dorfplatz der Großstadt" ist eben kaum ein anderer Ort so eng mit der Geschichte und den Menschen des Ruhrgebiets verbunden wie die Trinkhalle. Grund genug, die Trinkhallenkultur einen Tag lang im gesamten Ruhrgebiet zu feiern: Beim "Tag der Trinkhallen", der nach 2016 und 2018 in diesem Jahr zum dritten Mal stattfinden soll, werden Kioske im ganzen Revier als Begegnungsort der Kultur(en) gefeiert. Unter dem Motto "Biken, Buden, Bömskes" ist am 6. August 2022 wieder ein buntes Programm geplant.

Die Trinkhallen im Ruhrgebiet blicken auf eine über 100-jährige Geschichte zurück. Sie sind zur Versorgung der Arbeiter mit Mineralwasser entstanden. Entwickelt haben sich daraus kleine Verkaufsläden, in denen auch viele Alltagsartikel angeboten werden. Oft gibt es auch belegte Brötchen und Kaffee. Und immer noch kaufen Kinder dort gerne ihre "gemischten Tütchen" für 20 oder 50 Cent nach der Schule. Viel Platz brauchen die Trinkhallen nicht, auch auf engstem Raum bieten sie alles, was ihre Kunden brauchen: vom "Bömmsken" bis zum "Bierchen".

So vielfältig wie die Menschen sind auch die Buden im Revier. Das zeigt sich auch in ihrer Erscheinung: Manche sind elegant, grob gestaltet, herausgeputzt oder in die Jahre gekommen – aber alle sind wichtige Treffpunkte und eben "typisch Ruhrgebiet".

Noch ein Eis oder eine Tüte Chips für den gemütlichen Fernsehabend? Schnell noch ein Sektchen oder eine Tiefkühlpizza? Die Trinkhallen haben auch offen, wenn andere Geschäfte schon längst geschlossen sind. Und das meist rund um die Uhr, sieben Tage die Woche. Für viele ist dieses Notversorgungs-Depot für Süßes und Zigaretten oft die Rettung ...

Zum Kiosk "Bei Mampf-Fred" in Essen schauen ganz früh morgens meistens Handwerker, Taxifahrer oder Arbeiter vorbei, die von der Nachtschicht kommen. Und ein ganz besonderer Stammkunde, ein Landwirt, kann sich noch daran erinnern, dass früher Pferde an der Bude getränkt wurden. Denn bereits seit über 100 Jahren steht an diesem Ort eine Trinkhalle.

Jutta Färber kann sich ein Leben ohne ihren Kiosk in Dinslaken nicht vorstellen. Ihre Mutter hatte die Trinkhalle vor über 55 Jahren gepachtet. Als sie gestorben ist, hat Jutta Färber die Bude übernommen. Sie ist mit der Trinkhalle aufgewachsen und wohnt im angrenzenden Haus. Durch ihre Wohnung kommt Färber direkt in ihre Bude. Früher waren viele Zechenmänner Kunden, die Zeche ist auch direkt in der Nähe. Heute kommen viele Stammkunden und Schüler. Manchmal bekommt Jutta auch Geschenke von Kunden oder Kinder malen ihr ein Bild. "Solange ich fit bin, mache ich weiter", sagt Färber.

"Die Bude lebt von den Menschen", sagt Andreas Kontny, Inhaber von "Kontny's Kiosk". Die Trinkhalle in Mülheim an der Ruhr gehört dem Duisburger seit circa zehn Jahren. Zuvor war auch er selbst dort Stammkunde. Für Andreas Kontny gehört zum "Budenkult" am Kiosk ein "Quätschken" oder ein "Bierchen" dazu.

Aufgrund der Vielzahl seiner Stammkunden, die Hartz IV beziehen, hat sich der Besitzer des Kiosks im Duisburger Stadtteil Hochfeld zur Umbenennung seiner Trinkhalle in "Hartz IV Ecke" entschieden. Wie viele Buden im Ruhrgebiet ist auch diese "anne Ecke" zu finden.

Der Kiosk "Zwischenstopp" ist der letzte Kiosk vor dem BVB-Stadion in Dortmund und in der Fanszene bekannt. Vor den BVB-Spielen kommen oft Fans vorbei, um sich ein "Wegbier" zu besorgen. Aber sie kommen auch danach, um das Spiel zu analysieren und dabei ein Kaltgetränk zu schlürfen. Den Kiosk gibt es bereits seit über 30 Jahren. Tahsin Tekin ist seit Januar 2018 der Inhaber. Der begehbare Kiosk liegt im Dortmunder Kreuzviertel und vermittelt Kiez-Flair. Es herrscht eine große Nachbarschaftskultur. Der Besitzer fühlt sich dadurch immer wieder an Berlin-Kreuzberg erinnert, wo er mehrere Jahre gewohnt hat. "Hier kommen Studierende, Professoren, Ärzte und Hartz-IV-Empfänger hin", sagt Tekin, "ein bunt gemischtes Publikum“.

Holgers "Erzbahnbude" in Gelsenkirchen gibt es seit 2009. Holger selbst kommt aus Hamburg und hat dort als Fahrradkurier gearbeitet, bevor er ins "Büdchen-Geschäft" eingestiegen ist. Als er eines Tages auf der Erzbahntrasse mit dem Fahrrad unterwegs war und gestürzt ist, kam ihm die Idee für das Büdchen. Als er nämlich seinem Kollegen am Telefon erklären sollte, wo er ist, wurde Holger klar: Hier gibt es nichts, was er beschreiben konnte. In der Erzbahnbude gibt es Kaffee, Kuchen, Radler, kleine Snacks, Infos für Radfahrer und ganz wichtig: Flickzeug und Schläuche, denn die meisten Kunden sind mit dem Rad unterwegs. Manchmal spielen Musiker an der Bude, meistens ab 18 Uhr zum Sonnenuntergang. Man darf auch gerne selbst die Klampfe in die Hand nehmen. Die meisten Gäste sind Radfahrer und Pendler, die täglich mit dem Rad zur Arbeit fahren. Auch hier ist das Publikum gemischt, denn "auf dem Rad sind wir alle gleich", sagt Holger.

Die Trinkhalle Zollerneck an der Bockenfelder Straße in Dortmund-Boevinghausen liegt in der Nähe der Zeche Zollern II/IV. Die Menschen hier kommen meist aus Bergbaufamilien. Sie sind nicht nur ihrem Büdchen verbunden, sondern auch einem weiteren Element des Lebens im Revier – dem Fußball – genauer gesagt, Borussia Dortmund, dem BVB.

Leider grassiert aber auch ein "Kiosksterben" im Ruhrgebiet. Diese Trinkhalle in Duisburg-Marxloh musste schließen.

Dieser Entwicklung entgegenwirken sollen Aktionen wie der "Tag der Trinkhallen", aber auch Projekte wie der Designkiosk "Anne Bude" in Essen – der zur Kulturhauptstadt Ruhr.2010 initiiert wurde. Doch auch dieser Kult-Kiosk "wahma" (war einmal), denn "Anne Bude" ist geschlossen, eine Essener Institution ist nicht mehr. Bei Elli und Wolfgang gab es leckere Brötchen und immer ein freundliches Hallo. Die Betreiber haben den Laden des verstorbenen Bruders "Bambus-Klaus" auf Sylt übernommen. Dort haben sich einige Stammkunden aus dem Pott schon für die Ferien angekündigt.

Egal, ob vor oder hinter dem Verkaufstresen: Jeder hat seine ganz eigene Geschichte parat, wenn es um die Trinkhallen, Buden, Büdchen und Kioske in NRW geht. Haben Sie auch ein Lieblingsbüdchen, das wir besuchen sollen? Dann erzählen Sie uns davon! WDR 4 besucht ab dem 19. März 2022 auf einen Plausch klassische, ausgefallene, traditionelle und originelle Trinkhallen in Eifel, Rheinland und Westfalen.

Stand: 18.03.2022, 12:29 Uhr