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Sinéad O'Connor ist tot: Nothing Compares To Her

Von Ingo Neumayer

Prince schrieb ihren größten Hit, Sinatra drohte ihr Prügel an und selbst Madonna neidete ihr den Erfolg: Sinéad O'Connor wurde dank "Nothing Compares 2 U" ein Megastar. Nun ist die irische Sängerin gestorben.

Sinéad O'Connor 1990

Sinéad O'Connor ist schon früh als Rebellin unterwegs: Sie klaut in Kaufhäusern und schwänzt die Schule, bis sie mit 15 nach Dublin in ein katholisches Heim für schwer erziehbare Mädchen muss. Dort herrscht ein strenges Regiment, was die störrische Sinéad aber nur noch weiter reizt. Als ihr eines Tages eine Gitarre in die Hände fällt, ist ihr klar: Sie wird Musikerin und gründet ihre erste Band, Ton Ton Macoute.

Sinéad O'Connor ist schon früh als Rebellin unterwegs: Sie klaut in Kaufhäusern und schwänzt die Schule, bis sie mit 15 nach Dublin in ein katholisches Heim für schwer erziehbare Mädchen muss. Dort herrscht ein strenges Regiment, was die störrische Sinéad aber nur noch weiter reizt. Als ihr eines Tages eine Gitarre in die Hände fällt, ist ihr klar: Sie wird Musikerin und gründet ihre erste Band, Ton Ton Macoute.

Nach dem Unfalltod ihrer Mutter verlässt O'Connor Irland und zieht nach London. Ein ehemaliger Manager von U2 besorgt ihr einen Plattenvertrag und dann geht es Schlag auf Schlag. 1986 singt sie eine Nummer von U2-Gitarrist The Edge für einen Film-Soundtrack, 1987 erscheint ihr Debütalbum "The Lion And The Cobra" und sorgt für erstes Aufsehen: Musikkritiker loben ihre Stimme und ihre emotionalen Songs, die große Pop-Momente mit Elementen aus Rock, Wave und Weltmusik kombinieren.

Und da ist ja auch noch ihr Auftreten: O'Connors Fastglatze wird zum Markenzeichen, das sie bei Auftritten gerne mit Bomberjacken und Springerstiefeln kombiniert. Dazu bekundet sie Sympathien für die irische Terrororganisation IRA, beschimpft Englands Premierministerin Maggie Thatcher, macht mobil gegen Sexismus, Rassismus und Unterdrückung.

Drei Jahre später kommt der Durchbruch: Für ihr zweites Album "I Do Not Want What I Haven't Got" covert sie "Nothing Compares 2 U", einen Song, den Prince fünf Jahre zuvor – von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet – auf dem Album einer befreundeten Band namens The Family veröffentlicht hatte. Die Ballade wird Anfang 1990 ein weltweiter Hit – nicht zuletzt dank des schlichten, aber wirkungsvollen Videos, in dem O'Connor am Schluss die Tränen in die Augen steigen. Am 5. März erklimmt der Song den Spitzenplatz der deutschen Charts und bleibt dort ganze elf Wochen lang.

Sinéad O'Connor ist Anfang der 90er ganz oben: Sie heimst Grammys und MTV-Awards ein, freundet sich mit Red-Hot-Chili-Peppers-Sänger Anthony Kiedis an, singt mit den Scorpions, Van Morrison und Joni Mitchell bei Roger Waters' Berliner "The Wall"-Aufführung. Doch die Befürchtungen, dass die unangepasste Sängerin im Pop-Establishment ihren Biss verliert, sind unbegründet. Die Rebellin O'Connor, die sich selbst als "Troublemaker" bezeichnet, kann nicht aus ihrer Haut.

Als sie in den USA tourt, verbietet sie den Veranstaltern, vor den Konzerten die obligatorische Nationalhymne laufen zu lassen. Das erbost viele Amerikaner, selbst Frank Sinatra droht, ihr "in den Arsch zu treten". Und es wird noch heftiger: 1992 singt sie in der TV-Show "Saturday Night Live" das Bob-Marley-Cover "War". Am Schluss ändert sie den Text, macht aus dem Anti-Kriegs-Song eine Anklage gegen Kindesmissbrauch und zerreißt ein Foto von Papst Johannes Paul II. Ein Proteststurm ohne Beispiel brandet auf, es hagelt Beschwerden, Morddrohungen, Boykottaufrufe. Der Megastar wird zum Hassobjekt.

Zwei Wochen nach der "Saturday Night Live"-Show tritt O'Connor anlässlich von Bob Dylans 30. Bühnenjubiläum im Madison Square Garden auf – und wird vom Publikum gnadenlos ausgebuht. Sie bricht den eigentlich geplanten Dylan-Song ab und singt stattdessen abermals "War" – trotzig, wütend, verstört. Ein gespenstischer Auftritt, der auch noch Jahre später unter die Haut geht. Als der Song vorbei ist, wird sie von Kris Kristofferson getröstet – vergeblich. Sie bricht am Bühnenrand weinend zusammen.

O'Connor hat alle gegen sich: Christen, Konservative, Thatcher-Anhänger, Dylan-Fans. Selbst Madonna äußert sich in mehreren Interviews kritisch, unterstellt ihr Publicity-Sucht, macht Witze über ihr Äußeres und bezeichnet sie als "so sexy wie eine Jalousie". Doch O'Connor ist hart im Nehmen.

Obwohl ihr wahrscheinlich klar ist, dass ihre Karriere nachhaltig im Eimer ist, lässt sie sich nicht unterkriegen. 1994 veröffentlicht sie das Album "Universal Mother", 1995 ist sie mit Beck, Hole, Cypress Hill, Sonic Youth und Patti Smith im Rahmen der Festivaltour "Lollapalooza" unterwegs.

Die Phase, in der sie ihre Haare etwas wachsen lässt, ist kurz. Sie werde zu oft mit der Sängerin Enya verwechselt, beklagt sich O'Connor – und greift wieder zum Rasierer.

Trotz ihres mehr als problematischen Verhältnisses zur katholischen Kirche bezeichnet sich O'Connor lange Zeit als gläubige Christin, die jedoch die herkömmlichen religiösen Institutionen ablehne. Schon 1997 spielt sie in dem Film "Butcher Boy" die Jungfrau Maria, später lässt sie sich sogar in einer irisch-orthodoxen Glaubensgruppierung, die von Rom nicht anerkannt wird, zur Priesterin weihen.

Doch auch im Glauben scheint O'Connor keinen rechten Halt zu finden. Ihr Verhalten wird zunehmend erratisch. Sie sagt Tourneen kurzfristig ab, zieht sich aus dem Showgeschäft zurück, kehrt kurz darauf wieder zurück.

Auch musikalisch kommt ihr der Kompass ein wenig abhanden: Sie veröffentlicht ein Reggae-Album ("Throw Down Your Arms"), singt irische Spirituals ("Sean-Nós Nua"), kollaboriert mit Dance-Acts wie Moby und Massive Attack, singt Lieder von Dolly Parton, The Who, Nirvana und Musical-Komponist Andrew Lloyd Webber. Richtig erfolgreich ist sie aber mit keiner Richtung, in der sie es versucht.

Stattdessen macht sie privat Schlagzeilen: O'Connor streitet um das Sorgerecht ihrer Kinder, heiratet in Las Vegas ihren Therapeuten und verkündet nur 17 Tage später die Trennung. Dann lässt sie sich die Buchstaben "B" und "Q" mitten auf die Wangen tätowieren, nur um die Tattoos kurz darauf wieder mit Laser entfernen zu lassen.

Auf Facebook berichtet sie von ihren Depressionen, gibt wirre Statements ab, in denen sie über Selbstmord spricht, und fordert ihre Freunde auf, ihr zu helfen. 2017 ändert sie ihren Namen in Magda Davitt, um sich von ihrem "patriarchalen Sklavennamen" zu befreien, und erklärt: "Sinead ist tot."

2018 der nächste große Einschnitt: O'Connor bzw. Davitt gibt bekannt, dass sie als Ergebnis einer "theologischen Reise" zum Islam konvertiert sei. Sie nennt sich fortan Shuhada Sadaqat und tritt nur noch verschleiert auf. 2019 geht sie zum ersten Mal seit längerem wieder auf Tournee, 2020 veröffentlicht sie nach sechs Jahren Pause mal wieder einen Song: "Trouble Of The World", ein Traditional, das Ende der 50er durch die Soulsängerin Mahalia Jackson populär wird. Am 26. Juli 2023 geben Familienangehörige Sinéad O'Connors Tod bekannt. Die Todesursache bleibt zunächst unklar.

Stand: 27.07.2023, 07:10 Uhr