Werkeinführung: Bedřich Smetana - Mein Vaterland, Zyklus sinfonischer Dichtungen

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Bedřich Smetana - Mein Vaterland Sinfonieorchester Video 18.01.2019 01:22:56 Std. Verfügbar bis 18.01.2020 WDR 3

Werkeinführung: Bedřich Smetana - Mein Vaterland, Zyklus sinfonischer Dichtungen

Von Volker Tarnow

  • Semyon Bychkov leitet das WDR Sinfonieorchester
  • Kölner Philharmonie am 18. Januar 2019
  • Werkeinführung in Smetanas "Mein Vaterland"

Er beanspruchte völlig zu Recht, "der Schöpfer des tschechischen Stils im dramatischen und sinfonischen Bereich der Musik" zu sein. Seine Landsleute hielten ihn hingegen für einen volksfeindlichen Gefolgsmann Wagners und Liszts. Anerkennung fand Bedřich Smetana zu Lebzeiten nur mit der Oper "Die verkaufte Braut" und dem 1882 uraufgeführten sinfonischen Zyklus "Mein Vaterland".

Bedřich Smetana auf einer Porträtaufnahme um 1880

Bedřich Smetana auf einer Porträtaufnahme um 1880

Die Musik seines Heimatlandes war dem aus der ostböhmischen Provinz stammenden Sohn eines Brauereipächters zunächst fremd. Auf deutschen Schulen erzogen, das Tschechische nur mühsam bewältigend, folgte der junge Komponist begeistert der avantgardistischen Richtung von Franz Liszt, Richard Wagner und Hector Berlioz. 1848 beteiligte er sich an der Revolution gegen Habsburg und musste deswegen sogar aus Prag fliehen, was ihn jedoch sechs Jahre später nicht davon abhielt, in seiner "Triumph-Sinfonie" die österreichische Kaiserhymne zu glorifizieren. Ab 1856 entstanden in Göteborg, wo er die Philharmonische Gesellschaft leitete, drei sinfonische Dichtungen: "Wallensteins Lager", "Richard III." und "Hakon Jarl". Nach Liszts und Mendelssohns Mustern folgen sie kosmopolitischen Sujets, doch vor allem in "Wallensteins Lager" sind auch schon nationalromantische Töne zu hören. Hier konnte Smetana anknüpfen, als er 1874 mit seinem epochalen Zyklus "Má vlast" ("Mein Vaterland") begann – epochal, weil niemals zuvor thematisch derart eng verknüpfte Tondichtungen in zyklischer Form veröffentlicht worden waren.

Musikalische Erzählung über mythische Figuren und historische Orte

"Mein Vaterland" geht von Liszt aus und zugleich über ihn hinaus. Kritiker meinten, Smetana habe den Meister 'überliszten' wollen. Während dessen sinfonische Dichtungen literarische Stoffe in Musik verwandeln, stellt Smetana die musikalische über die erzählerische Logik. Zwar sind auch bei ihm deskriptive Elemente wesentlich – denn was wäre Programmmusik ohne Programm? –, doch finden sich neben Schilderungen konkreter außermusikalischer Vorgänge viele allgemein gehaltene Beschwörungen mythischer Figuren, historischer Orte und böhmischer Landschaften.

Die tschechische Akropolis namens "Vyšehrad", Stammsitz der legendären ersten böhmischen Herrscher, bildet das Eingangsportal. Der Komponist stimmt im raunenden Tonfall des Barden sein wehmütiges 'Es war einmal' an, dem sich dann umso feierlicher das hoffnungsvolle 'Es wird wieder sein' beigesellt. Zwei Harfen präsentieren das elegische, bald schon vom ganzen Orchester ins Heroische gewendete Hauptthema. Dessen Umbildung, einer stürmischen kontrapunktischen Durchführung unterworfen, schildert die nunmehr auf der Burg und im Lande ausbrechende Zwietracht: ein gewaltiger Kampf, der letztlich zur Zerstörung des Vyšehrad führt. Volkstümliche friedliche Stimmen vermögen sich nicht lange zu behaupten. Am Ende steht der resignative Rückblick auf eine entschwundene ruhmreiche Zeit.

Prag

Die Moldau wird in ihrem Lauf durch Prag von insgesamt 15 Brücken überspannt

"Die Moldau" ("Vltava"), die mit Abstand bekannteste sinfonische Dichtung aus dem Zyklus, reiht rondoartig mehrere Episoden aneinander, deren Geschehnisse exakt durch Überschriften in der Partitur bezeichnet sind. So symbolisieren die Sechzehntelketten der Flöten und Klarinetten ganz zu Beginn "Die Quellen der Moldau", die auch die folgende, von den Hörnern dominierte "Waldjagd" begleiten. Ebenfalls an den Ufern des Flusses wird eine "Bauernhochzeit" gefeiert, mit ihrem zündenden Polka-Rhythmus wohl die – neben der Ouvertüre zur "Verkauften Braut" – fesselndste Apotheose böhmischer Volksmusik aus Smetanas Feder. Ihr folgt ein geheimnisvoll glänzender "Nymphenreigen im Mondschein", der wieder in das Moldau-Thema mündet. Doch eilt der Fluss jetzt unaufhaltsam einer dramatischen Gefahr entgegen: den heute nicht mehr existierenden, weil in einem Staudamm versenkten "Sankt-Johann-Stromschnellen" gut zwanzig Kilometer südlich von Prag. Das Hauptthema ist nur noch bizarren Bruchstücken zu entnehmen, schäumend und beängstigend drängen sich die Tonmassen zusammen, bevor sie endlich ins Freie stürzen. "Die Moldau strömt breit dahin" heißt der letzte Abschnitt; sie zieht am Burgwall des Vyšehrad vorbei und sorgt derart auch musikthematisch für einen sinnvollen, zyklischen Abschluss dieser phänomenalen sinfonischen Dichtung.

Erinnerung an die Kraft der Freiheit

Mit der populären "Moldau" konnte sich "Šárka", die dritte Nummer, nie messen. Sie wurde zu Lebzeiten Smetanas nicht einmal gedruckt, sondern erschien nur in einer vierhändigen Klavierfassung. Zur Begründung verweist man gern auf die angeblich mindere Qualität des schroffen, blutrünstigen Stückes. In Wahrheit jedoch enthält die Ballade alles, was sich zumindest Amazonen von einem konsequenten Geschlechterkampf erwarten dürfen. Die böhmische Penthesilea alias Šárka lockt einen Rittersmann in den Hinterhalt, indem sie ihm weibliche Hilflosigkeit vorgaukelt. Er glaubt mit ihr im Lager ein Liebesfest feiern zu können, wird dann aber mit den Seinen erbarmungslos abgeschlachtet. Markig rhythmisierte Kampfszenen, ein munterer Marsch und nächtliche Waldstimmungen garantieren "Šárkas" effektvolle Wirkung.

Böhmisches Niederland: Aussicht vom Wolfsberg (Vlčí hora) auf die Böhmische Schweiz mit Rosenberg (Růžovský vrch)

Aussicht auf Böhmische Schweiz mit Rosenberg (Růžovský vrch)

Auf größere Zustimmung durfte seit je die unleugbar kunstvoller gestaltete Pastorale "Aus Böhmens Hain und Flur" ("Z českých luhů a hájů") rechnen. Ihr Titel entspricht vollkommen dem Klischee vom sanftmütigen, weichen Charakter Smetanas. Dabei ist das Erlebnis der Natur, wie es uns eingangs die wogenden Figuren der Holzbläser und Streicher schildern, eher rauschhaft als idyllisch. Wir befinden uns inmitten einer heroischen Landschaft. Erst zögerlich verklingend weicht diese überwältigende Szenerie beschaulicheren Naturimpressionen, dem Spaziergang eines naiven Dorfmädchens und ihrem jubelnden Sommerliedchen, gefolgt von der herrlich koloristisch eingefangenen Mittagsstille, einem fugierten Choral von Wallfahrern und der unvermeidlichen Polka. Die abschließende Coda nimmt noch einmal, jetzt eindeutig ins Freudvolle gewendet, Motive der Einleitung auf.

Smetana war bereits im Jahr 1874, während der Komposition an den ersten beiden Teilen von "Mein Vaterland", vollständig ertaubt. Er offenbarte seine Verzweiflung zwei Jahre später in dem Streichquartett "Aus meinem Leben". Dem "Vaterland"-Zyklus hingegen ist davon nichts anzumerken; die letzten beiden Sätze überblenden die gesundheitliche Misere und auch die heftigen Angriffe, denen er sich in Prag nach wie vor ausgesetzt sah, mithilfe der nationalen Mythologie.

Stich von Tábor aus dem Jahr 1645

Stich von Tábor aus dem Jahr 1645

"Tábor" (1878) ist erfüllt von martialischen Eruptionen, von Trotz und Zorn. Den musikalischen Kern bildet der alte Hussiten-Choral "Ktož jsú boží bojovníci" ("Die ihr Gottes Streiter seid"). Das südböhmische Tábor galt als Hochburg des 1415 von der Inquisition hingerichteten Reformators Jan Hus. Sie ist ein Ortssymbol der hussitischen Freiheitsbewegung, so wie der Choral zum Klangsymbol der böhmischen Reformation wurde, vergleichbar dem protestantischen "Ein feste Burg ist unser Gott". Von gespenstisch langen Pausen unterbrochene Hörnerrufe formulieren die ersten vier Töne des Chorals, äußerst suggestiv begleitet von einer schwermütig fallenden Melodielinie in den Streichern. Der gesamte Satz ist – stark an Wagners "Walkürenritt" gemahnend – größtenteils monothematisch und endet mit der markerschütternden Manifestation dieses Choralthemas.

Auch "Blaník" (1879), benannt nach einem Berg in der Nähe Tábors, dem tschechischen Kyffhäuser, benutzt den Hussiten-Choral, gestaltet ihn jedoch nach den heftigen Eingangsakkorden zunehmend optimistisch. Visionen eines noch ausstehenden nationalen Glücks kleiden sich in tänzerisch-heitere Melodik. Am Ende kehrt "Blaník" zum Leitmotiv des Kopfsatzes zurück: Die Burg Vyšehrad erscheint noch einmal als grandios verklärte Erinnerung einstiger Größe – und ermahnt die Tschechen, sich auf die Kraft der Freiheit zu besinnen. Sie waren dazu in den nächsten hundert Jahren leider allzu oft gezwungen.

Dirigent Semyon Bychkov über "Mein Vaterland":

Part 1 Sinfonieorchester Video 18.01.2019 01:19 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 WDR 3

Part 2 Sinfonieorchester Video 18.01.2019 02:11 Min. Verfügbar bis 18.01.2020 WDR 3

Stand: 18.01.2019, 08:00