Kerzen am Tatort

Obdachlosen getötet: Warum Jugendliche gewalttätig werden

Stand: 31.10.2023, 10:09 Uhr

Ein 14- und zwei 15-Jährige sollen in Horn-Bad Meinberg einen Obdachlosen getötet haben. Einen Streit gab es zuvor offenbar nicht. Wie ist eine solche Gewalt zu erklären - und wie zu verhindern?

Horn-Bad Meinberg im Kreis Lippe am vergangenen Donnerstag: Eine Passantin findet im Stadtteil Horn die Leiche eines Mannes auf einer Wiese. Die Polizei nimmt tags darauf einen 14- und zwei 15-Jährige fest. Sie werden verdächtigt, den Obdachlosen getötet zu haben. Offenbar kannten sie sich nicht.

Ein Handyvideo hatte die Ermittler zu den drei Verdächtigen geführt. Sie sollen ihre Tat selbst gefilmt und verbreitet haben. Laut Staatsanwaltschaft haben sie die Tat gestanden und sitzen in Untersuchungshaft. Ihnen wird gemeinschaftlich begangener Totschlag vorgeworfen. Wie erklären sich Experten eine solche Gewalt? Und wie könnte sie verhindert werden?

"Dehumanisierendes Bild von wohnungslosen Menschen"

Professor Andreas Zick, Leiter des Instituts für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) an der Universität Bielefeld

Andreas Zick

"Ganz wesentlich bei diesem Fall ist, dass die jungen Menschen mit Sicherheit ein sehr dehumanisierendes, sehr entwürdigendes Bild von wohnungslosen Menschen haben", sagte Konfliktforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld im Gespräch mit dem WDR. "Sie haben eine schutzlose Person getötet, und da wird es jetzt darauf ankommen zu ermitteln, inwieweit sie diese Einstellung schon vorher geteilt haben."

Zum anderen sei es eine Gruppentat. "Das heißt: Sie haben in einer Gruppe gehandelt, und da wird zu ermitteln sein, inwieweit vorher schon diese Aggressionsschwelle in der Gruppe gesunken ist." Es deute einiges darauf hin, dass die Jugendlichen schon vorher durch Aggressionen aufgefallen seien.

"Individuelle und gesellschaftliche Faktoren"

Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik

Menno Baumann

Menno Baumann ist Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf und beschäftigt sich seit Jahren mit der Kinder- und Jugendhilfe. Er kennt "schwere Gewalt sowohl bei Kindern als auch bei Jugendlichen zwar als seltenes, aber doch immer wieder auftauchendes Phänomen", sagte er im WDR. Als Ursachenfaktoren könne man sich verschiedene Ebenen anschauen. Das sei im Einzelfall sehr unterschiedlich. Es gebe individuelle und gesellschaftliche Faktoren.

"Wenn man sich die Täter anschaut, sehen wir meist selbst schwere Gewalterfahrungen. Viele Jugendliche haben eigene Gewalt-Geschichten hinter sich. Der familiäre Bereich ist der größte Risikofaktor." Menno Baumann

Er sehe aber auch Ausgrenzungserfahrungen, junge Täter, deren Familien von Armut betroffen seien. Oder eine Chancenlosigkeit - sei es in der Schule oder auf dem Arbeitsmarkt. Zudem sei die "Eskalation auf dem Wohnungsmarkt" ein Problem. "Immer mehr Familien werden in viel zu kleine Wohnungen getrieben. Das erhöht die Konfliktdichte. Das erhöht die Zeit draußen auf der Straße."

Hinzu käme beispielsweise die Armut oder die Inflation. "Ganz oft spielen auch unterschiedliche Gruppendynamiken eine Rolle, wo sich die Jugendlichen in einen Prozess reinsteigern." Dann fühlten sich die jungen Menschen unverwundbar und es komme zu spontanen Prozessen.

Laut Konfliktforscher Andreas Zick hat jede Tat in der Regel eine Vorgeschichte.

"Da können auch Männlichkeitsbilder eine große Rolle spielen. Sie erleben vielleicht in ihrem Alltag, dass Gewalt auch ein Machtmittel ist und etwas durchsetzt." Andreas Zick

Auch Drogeneinflüsse könnten eine Rolle spielen. "Wir sehen Aggression und Gewalt unter Drogeneinfluss an anderen Stellen. Wohnungslose Menschen waren immer Opfer."

Für die Kriminologin Daniela Pollich spielt die Tatsache, dass die Tat gefilmt und in sozialen Medien geteilt wurde, ebenfalls eine Rolle. "Das Internet kann in solchen Fällen ein weiterer Treiber sein, und zwar in dem Sinne, dass man sich zur Schau stellt und auf krude Art Publicity verschaffen will."

"Keine Verrohung der Jugendlichen"

Bundesweit wurden im vergangenen Jahr 206 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren in der Polizeilichen Kriminalstatistik mit sogenannten Straftaten gegen das Leben in Verbindung gebracht. 19 Kinder unter 14 Jahren waren außerdem tatverdächtig bei solchen Straftaten.

Die Kriminalitätsstatistik weist zwar im vergangenen Jahr für NRW einen ungewöhnlich starken Anstieg von Gewalttaten bei Jugendlichen und insbesondere bei Kindern auf. Allerdings betrachten Wissenschaftler die Entwicklung solcher Zahlen immer über einen längeren Zeitraum.

"Eine Verrohung der Jugendlichen sehen wir nicht. Wir hatten bei Kindern unter 14 Jahren die höchste Zahl an schweren Gewalttaten Anfang der 2000er Jahre. Bei Jugendlichen unter 21 lag der Zenit schon Ende der 90er", so Baumann. Die Taten seien auch nicht zwingend schwerer geworden.

"Solche Vorfälle haben wir immer gehabt. Wir haben schon immer einen kleinen Anteil von Jugendlichen, die keine Grenze kennen." Menno Baumann

Tatvideos niemals teilen

Die mutmaßlichen Täter aus Horn haben laut Justiz die Tat gefilmt und online gestellt. Intensivpädagoge Baumann wundert das nicht: "Das sehen wir in den vergangenen Jahren immer wieder: Das ist diese Sucht nach Fame, nach Likes, nach Followern. Also ich suche das perfekte Video, was mir viel Verbreitung bringt - selbst negative Verbreitung." Auch Konfliktforscher Zick sagt: "Sie kriegen dafür Applaus. Das senkt die Norm eines solchen Deliktes."

Deswegen, so Baumanns Rat: Wer solche Videos sieht, sollte das Video nicht teilen, sondern sofort melden. "Jeder von uns, der ein solches Video teilt, selbst wenn er empört tut, trägt mit dazu bei, dass das für die Jugendlichen ein enormer Bringer wird. Das ist Teil des Problems."

Schulsozialarbeit zur Prävention

Es brauche vor allem Prävention durch eine gute Kinder- und Jugendarbeit, sagt Menno Baumann. "Wir wissen: Soziale Arbeit ist die beste Strategie gegen Gewalt. Das ist wissenschaftlich eindeutig." Ein anderer wichtiger Schutzfaktor sei eine gute schulische Eingebundenheit, sagt Baumann.

Die Kriminologin Pollich rät dazu, sensibler auf frühe Warnzeichen einzugehen: "Gab es abwertende Äußerungen, bezogen auf bestimmte Opfergruppen?" Hier müsse man genau hinhören und gegensteuern.

Konfliktforscher Zick nennt unter anderem die Schulsozialarbeit: Die Präventionsarbeit im Bereich der Gewalt und Aggression müsse verbunden werden mit einer Bearbeitung von menschenfeindlichen Stereotypen und Vorurteilen. "Denn solche Taten passieren, weil Jugendliche meinen, das wäre legitim, das könnten sie so machen." Das alles müsse verbunden werden mit digitaler Prävention und Aufklärung.

Unsere Quellen:

  • Interview mit Menno Baumann
  • Interview mit Andreas Zick
  • Kriminalitätsstatistik NRW 2022

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