Der Duft der großen, weiten Welt – Unser Land in den 60ern

Der Duft der großen, weiten Welt: Unser Land in den 60ern Unser Land in den 60ern Staffel 4, Folge 1 13.11.2020 43:44 Min. UT AD Verfügbar bis 13.11.2021 WDR Von Simone Schillinger

Der Duft der großen, weiten Welt – Unser Land in den 60ern

1960 – der Aufbruch in ein neues Jahrzehnt, in dem Nordrhein-Westfalen nur eine Richtung kannte: Volle Kraft voraus! Das Wirtschaftswunder machte es möglich. "Wir sind wieder wer!" – das wollten wir auch zeigen. Immer mehr Menschen konnten sich nun ein Auto leisten, 1960 fiel der Startschuss für den groß angelegten Ausbau der Autobahnen und Bundesstraßen. Jetzt konnte man richtig "Strecke machen". Eines der Fahrzeuge damals: das Motocoupé "Isetta".

Eine Frau sitzt in einer bunt bemalten Isetta

Und läuft und läuft: Jutta Beyer-Vollprecht ist mit ihrer Isetta seit fast 50 Jahren unterwegs.

Das Modell von Jutta Beyer-Vollprecht ist Baujahr 1961. Die 150 D-Mark, die die Bonnerin damals für das Gefährt bezahlte, haben sich gelohnt, denn bis heute ist sie mit dem Motocoupé unterwegs. Knapp 500.000 Kilometer hat ihre Isetta inzwischen auf dem Blechbuckel, mit Reisen quer durch ganz Europa – vom Nordkap bis nach Griechenland.

Schwarze Tage

Auch für die "Tina Scarlett" sollte es in die große, weite Welt gehen. Doch bei der Überfahrt von Köln Richtung Nordsee kollidierte die Hochseefähre vor Emmerich mit einem Tanklaster. Es kam zu einer Explosion, der Rhein stand tagelang in Flammen. Der ehemalige Feuerwehrmann Michael Thissen hat das Ereignis aufgearbeitet. Mit zwei Feuerwehrleuten, die damals gegen die Flammen kämpften, berichtet er über die Katastrophe.

Wolfgang Graf Berghe von Trips in einem Ferrari Rennwagen

Sein letzter Start: Wolfgang Graf Berghe von Trips in Monza.

Eine andere Katastrophe ereignete sich in Monza: Der Kerpener Rennfahrer und beliebte Sonnyboy Wolfgang Graf Berghe von Trips, der als erster Deutscher ein Formel-1-Rennen gewonnen hatte, verunglückte beim Rennen - mit ihm starben 15 weitere Menschen.

Neue Töne

Musikalisch gaben die USA den Ton an. Der Clou: Viele internationale Hits wurden einfach "eingedeutscht"“. Und so stürmten "Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strand-Bikini" und der "Babysitter-Boogie" hierzulande nicht nur im englischen Original, sondern auch in der deutschen Version die Charts.

Heino steht in einem Raum an der Fensterfront

Hoch hinaus: Heino startete in Düsseldorf durch.

In Düsseldorf begann Anfang der 60er Jahre die Karriere eines musikalischen Stars, den heute jeder kennt. Eigentlich war Heinz Georg Kramm Bäcker, doch nach Feierabend packte er hinter der Backstube regelmäßig sein Akkordeon aus. Als schließlich eine Düsseldorfer Kapelle anfragte, ob er für einen erkrankten Musiker einspringen könnte, war das der Wendepunkt. Bei einem fulminanten Auftritt wurde "Heino" als Solo-Sänger gefeiert.

Städtebau und Mauerbau

Beim Städtebau orientierte man sich an den Vereinigten Staaten. Es entstanden Hochhäuser nach dem Vorbild amerikanischer Wolkenkratzer. Allen voran: das Dreischeibenhaus, das das Gesicht der Landeshauptstadt bis heute prägt.

Und dann schaute plötzlich jeder nach Berlin, wo plötzlich die Mauer die Stadt teilte. Kein Bundesland nahm damals mehr DDR-Flüchtlinge auf als NRW – und die meisten der Menschen kamen in die  Aufnahmestelle nach Unna-Massen. Auch Familie Deterling.

Ein Mann und eine Frau sitzen im Garten und schauen in ein Fotoalbum

Neubeginn: Ingrid und Manfred Deterling erinnern sich an den Neuanfang in Unna-Massen.

Harry Deterling war Lokführer in der DDR, und er wollte mit seiner Familie in den Westen. Am Nikolausabend 1961 durchbrach er mit einer Lokomotive die Grenze nach West-Berlin. An Bord des Zuges: seine Frau, seine vier Söhne und weitere Familienmitglieder. Ingrid Deterling und ihr Sohn Manfred berichten von ihrer spektakulären Flucht und der aufreibenden Zeit danach.

Es war auch eine Zeit des gesellschaftlichen Wandels: Mit Elisabeth Schwarzhaupt nahm 1961 wurde die erste Frau Bundesministerin – gegen den Willen von Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die ersten "Gastarbeiter" aus Italien, Spanien, Griechenland und der Türkei brachten uns kulinarische Spezialitäten, die heute nicht mehr wegzudenken sind.

In der neuen vierteiligen Reihe "Unser Land in den 60ern" geht es im WDR auf eine Zeitreise – in ein Jahrzehnt, das unser Land geprägt hat wie kaum ein zweites. Die Architektur von damals formt bis heute das Gesicht unserer Städte und Gemeinden. Zehntausende Menschen, die damals als sogenannte "Gastarbeiter" kamen, um die Wirtschaft an Rhein und Ruhr am Laufen zu halten, sind hier längst heimisch geworden. Und die Hits dieser Jahre sind heute Evergreens.

Ein Film von Simone Schillinger
Erzählt von Sabine Postel
Redaktion: Barbara Schmitz

Stand: 29.10.2020, 17:35