Gender, Sternchen und die Wahl

29. Mai 2020

Gender, Sternchen und die Wahl

Tausende Kandidatinnen und Kandidaten stellen sich in NRW zur Wahl - Männer, Frauen und vermutlich auch Menschen diversen Geschlechts. Wie könnte unser Angebot zur Kommunalwahl also heißen - Kandidatencheck Kandidat*innencheck? Kandidatinnencheck?

Die Entscheidung ist gefallen: Wir haben uns für den Titel „Kandidatencheck“ entschieden und nicht, wie vorab ausführlich diskutiert, für „Kandidat*innencheck“. Das möchten wir hier transparent machen. Im Folgenden werden Argumente für und wider die beiden Varianten vorgestellt. Ausschließen mussten wir von vornherein - da waren wir uns einig - die Variante „Kandidatinnen- und Kandidatencheck“. Da die meisten Menschen das WDR-Onlineangebot über mobile Geräte mit eher kleinen Bildschirmen nutzen, wäre der Titel einfach zu lang.

Wir freuen uns, wenn Sie uns dazu Ihre Meinung über die Kommentarfunktion dieser Seite schreiben.

Illustration: Gendersternchen zwischen 2 Sprechblasen

Das Kreuz mit dem Sternchen: Pro Kandidat*innencheck

Das geschriebene Binnensternchen (Asterisk) ist längst keine Seltenheit mehr, es spricht auch Geschlechter neben dem männlichen und weiblichen an. Der Titel Kandidat*innencheck würde der gesellschaftlichen Realität Rechnung tragen, dass das Bewusstsein zu Fragen der Geschlechtsidentität in den vergangenen Jahren wichtiger geworden ist. Das gilt insbesondere für junge Menschen und Erstwähler, und an die richtet sich unser Angebot in besonderem Maße. 

Illustration:Gendersymbol auf dem Weg zu einem Rathaus

Es sind nun mal Männer und Frauen und vermutlich auch Menschen diversen Geschlechts, die bei der Kommunalwahl antreten, um sich politisch zu engagieren. Sie alle würde die Variante mit Sternchen ansprechen. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Wähler*innen.  

Nun arbeitet der WDR längst multimedial, ein Projekt wie der Kandidat*innencheck ist immer auch Thema in Radio und Fernsehen, er wird in vielen Moderationen genannt werden – verbunden mit der Frage, wie das „*“ zu sprechen ist. Noch eher selten, doch immer häufiger wird das (auch in den Medien) mit einer kleinen Sprechpause gekennzeichnet. Es gibt eine mündliche Entsprechung für das geschriebene Sternchen. 

Sprache ist lebendig, sie wird geformt auch von gesellschaftlichen Veränderungen. Aus dem Grund verwenden beispielsweise Behörden und Universitäten das „*“ in der Ansprache der Bürger*innen und Student*innen. Die Diskussion um das Sternchen ist vielfältig, kleinteilig und mitunter fundamental. Und auch manche Stimmen aus dem Lager der geschlechtergerechten Sprache sehen den Asterisk kritisch. Mit weißer Weste kommt man also aus dieser Diskussion nicht heraus.  

Dennoch: Im konkreten Fall spricht viel für einen „Kandidat*innencheck“. Nicht zuletzt, dass die Wahl dieses Titels ein Zeichen dafür wäre, dass der WDR eine Antenne für den Wandel der Sprache und die dahinterliegenden gesellschaftlichen Veränderungen hat. 

Kein Stern beim Kreuzchen: Pro Kandidatencheck

Der WDR Kandidatencheck wurde erstmals 2017 so benannt. Und auch zu den damaligen Landtags- und Bundestagswahlen  gab es nicht nur männliche Kandidaten. Diese Kurzform war griffig – und vor allem, man konnte in Radio und Fernsehen auf dieses Angebot hinweisen. Das Sternchen erfordert eine ungewohnte und für viele Hörer irritierende Sprechpause. Und schließlich darf man das *-Zeichen auch nicht im Namen einer Website verwenden. „Kandidat*innencheck.de“ ist nicht registrierbar. Das spricht alles zusammen klar für diesen Namen beizubehalten. Wichtig ist außerdem noch ein inhaltlicher Grund.  

Illustration:Gendersternchen in einem Smartphone zwischen 2 Sprechblasen

In manchen Kommunen ist das Sternchen Gegenstand der politischen Auseinandersetzung zwischen Parteien. Wenn der WDR bei einem Namen bleibt, der seit Jahren als Programmmarke eingeführt ist und außerdem dem Sprachgebrauch der weitaus meisten Menschen entspricht – dann wird das niemand ernsthaft als politisches Statement interpretieren können. Bei der Verwendung der Sternchen-Variante wäre diese Interpretation zwar ebenso falsch – sie könnte aber leichter so missverstanden werden.

Es ist im Programm des WDR selbstverständlich, auch dann alle Geschlechter zu meinen, wenn man nur eines nennt. Der Titel Kandidat*innencheck würde der gesellschaftlichen Realität genauso Rechnung tragen wie die Titel Kandidatencheck oder Kandidatinnencheck. Diese gesellschaftliche Realität bestimmt das Programm – nicht eine besondere Sprech- oder Schreibweise. Das Bewusstsein zu Fragen der Geschlechtsidentität ist in den vergangenen Jahren wichtiger geworden – aber auch entspannter. Das gilt insbesondere für junge Menschen und Erstwähler, und an die richtet sich unser Angebot in besonderem Maße. 

Sprache ist lebendig, sie wird geformt – ganz stark von gesellschaftlichen Veränderungen. Das braucht immer etwas Zeit. Im Oktober 2021 wird es wahrscheinlich die nächste Bundestagswahl, im Mai 2022 die nächsten Landtagswahlen in NRW geben. Bis dahin wird das „*“ aber vermutlich immer noch ein verbotenes Element im www-Zeichensatz sein – und der Kandidatencheck weiter Kandidatencheck heißen. Und obwohl das Angebot so heißt, gehört es zu den Aufgaben des WDR, diese Sprach-Debatte zu führen und vor allem, sensibel auf die dahinterliegenden gesellschaftlichen Veränderungen zu blicken.

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