Was löste die Katastrophe aus?

Loveparade-Besucher versuchen eine Treppe zu erreichen

Viele Fragen sind noch offen

Was löste die Katastrophe aus?

Wie genau konnte es zu dem verhängnisvollen Gedränge im Zugang zum Partygelände kommen? Auch Tage nach dem Unfall bei der Duisburger Loveparade mit 21 Toten ist das nicht sicher. WDR.de nennt die offenen Fragen.

Wie viele Teilnehmer hatte die Loveparade wirklich?

Zu dieser zentralen Frage waren die offiziellen Angaben zunächst mehr als widersprüchlich. Am Samstagnachmittag vor der Katastrophe (24.07.10) hatten Veranstalter und Oberbügermeister Adolf Sauerland (CDU) noch von rund 1,4 Millionen Besuchern gesprochen. Einen Tag später wird diese Zahl ausdrücklich nicht mehr bestätigt. Sicher sei nur die Zahl der Menschen, die per Bahn angereist waren: 105.000 Personen. Duisburgs Polizeisprecher Ramon van der Maat erklärte später, über den ganzen Tag verteilt seien auf dem Veranstaltungsgelände und auf dem Weg dorthin höchstens 300.000 bis 400.000 Menschen gewesen. WDR.de hat anhand von Luftbildern des Festivalgeländes eigene Berechnungen angestellt. Das Ergebnis: Insgesamt haben sich zum Zeitpunkt der Katastrophe maximal 130.000 Menschen dort aufgehalten. Es gab dort noch jede Menge Platz. Offensichtlich hatte Loveparade-Veranstalter Lopavent zu Werbezwecken seit Jahren weit übertriebene Besucherzahlen gemeldet. In Duisburg rechneten die Verantwortlichen maximal mit 485.000 Besuchern, besagt ein internes Lopavent-Papier, das den Zeitungen der Essener WAZ-Gruppe vorliegt.

War das Gelände für die Menschenmassen ausgelegt?

Falls die aktuelle Einschätzung zu den Besucherzahlen zutrifft, hätte der Platz wohl ausgereicht. Laut Polizei ist das gesamte Gelände des Güterbahnhofs, auf dem die Loveparade stattfand, 200.000 bis 240.000 Quadratmeter groß. Für die Paradewagen und das eigentliche Partygelände hätten 120.000 Quadratmeter zur Verfügung gestanden. Nach Angaben des Landesministeriums für Bauen und Verkehr hat das Duisburger Amt für Baurecht und Bauberatung am 21. Juli eine Genehmigung für 250.000 Besucher auf dem Gelände erteilt.

Waren die Zugänge zum Gelände groß genug?

Bis zu dem Unglück gab es nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, der durch zwei Tunnel zu erreichen war. Von den Tunneln ging es über eine breite Straßenrampe zum alten Güterbahnhof. Vorwürfe, damit ein Nadelöhr geschaffen zu haben, das nicht den gesetzlichen Vorgaben entspreche, wies die Stadt zurück. Doch auch die Kölner Polizei, die im Vorfeld der Partyveranstaltung um ihre Meinung gefragt wurde, hat laut WDR-Informationen die Zugangswege als nicht ausreichend bezeichnet. Warum das Sicherheitskonzept unter diesen Umständen genehmigt wurde, dazu ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft.

Was war der Auslöser für das Unglück?

Im Gedränge vor dem einzigen Zugang zum Gelände stauten sich am späten Nachmittag die Menschen. Besucher, die ungeduldig zur Party drängten, trafen auf andere, die das Fest schon verlassen wollten. Der genaue Hergang ist auch Tage nach der Katastrophe noch ungeklärt. Sicher ist nur, dass eine unerträgliche Enge herrschte. 16 Menschen starben in der Menschenmasse, fünf später im Krankenhaus. Seit Dienstag (27.07.10) steht fest, dass die 21 Todesopfer ihre tödlichen Verletzungen im Gedränge erlitten haben: Sie starben an Brustquetschungen, wie die Obduktion ergab. Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller erklärte am Montag (26.07.10), zur Katastrophe habe eine "verhängnisvolle Anweisung" der Polizei geführt, die Schleusen vor dem Tunnelzugang auf dem Gelände zu öffnen. Die Veranstalter hätten dagegen zehn der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil Überfüllung drohte. Die Polizei wies diese Darstellung zurück. Allerdings gab es offenbar auch seitens der Feuerwehr-Einsatzleitung Kritik an der Polizei, welche die Besucherströme nicht wirksam reguliert habe. Erste Ermittlungsergebnisse, die NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) am Mittwoch (28.07.10) vorstellte, machen dagegen vor allem den Veranstalter für die Situation verantwortlich. Er soll die Vorgaben seines eigenen Sicherheitskonzeptes nicht eingehalten haben. Das Konzept habe vorgesehen, dass mögliche Rückstaus im Eingangsbereich durch ein Schließen der Eingangsschleusen sowie Ordner, die Menschenmengen im Eingangsbereich weiterführen, verhindert werden. Dies habe nicht funktioniert. Die Zugänge in den Tunnel seien auch dann nicht gesperrt worden, als eine Überlastung schon klar abzusehen war. Außerdem seien zu wenig Ordner im Einsatz gewesen.

Wurde die Loveparade-Genehmigung unter Zeitdruck erteilt?

Ein Vertreter der Duisburger Stadtverwaltung hat die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Loveparade erst am Samstagmorgen unterschrieben, kurz vor Beginn der Veranstaltung um 09.00 Uhr. Das Event hätte zu diesem Zeitpunkt kaum mehr abgesagt werden können. Laut "Kölnischer Rundschau" soll noch am Freitag (23.07.10) in verschiedenen Sitzungen über das Sicherheitskonzept debattiert worden sein. Das Bauordnungsamt hatte offenbar schon vier Wochen vor der Loveparade massive Einwände gegen das Sicherheitskonzept erhoben. Das geht aus einem Sitzungsprotokoll hervor, auf dessen Verteiler auch Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) stand. Dieser erklärte jedoch nach der Katastrophe, er habe nichts von Sicherheitsbedenken gewusst.

Wer haftet für die Schäden der Loveparade-Katastrophe?

Die Klärung dieser Frage wird nach Ansicht von Versicherungsexperten höchst kompliziert und langwierig. "Es muss sich eine glasklare Verantwortung herauskristallisiert haben, bevor man das zuordnen kann", sagt Katrin Rüter, Sprecherin des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Bislang sei noch nicht geklärt, ob der Veranstalter oder die öffentliche Hand haftbar seien. Die Lopavent GmbH als Veranstalterin der Loveparade hatte das Techno-Spektakel mit einer Gesamtdeckungssumme von 7,5 Millionen Euro bei der deutschen Tochter des französischen Versicherungskonzerns Axa versichert. Theoretisch könnte sich aber auch herausstellen, dass niemand verantwortlich ist oder das Unglück durch Besucher ausgelöst wurde, die nicht ermittelt werden können. "Dann werden Schäden, die die Betroffenen nicht selber versichert haben, nicht reguliert", so GDV-Sprecherin Rüter.

An wen können sich Geschädigte wenden?

Jeder, der einen Anspruch habe, solle sich beim Veranstalter oder bei der Axa, der Versicherung der Veranstaltung, melden, erklärt Axa-Sprecher Ingo Koch. "Wir wollen so schnell wie möglich klären, dass die, die einen Anspruch haben, diesen auch geregelt bekommen." Ob der Versicherungskonzern jedoch in Vorleistung treten werde, sei noch unklar. Grundsätzlich sollten Betroffene ihre Ansprüche so konkret es geht formulieren und so viele Beweise wie möglich beilegen. "Je vollständiger, desto besser." Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller und Axa richteten am Donnerstag (29.07.10) für die Opfer der Duisburger Katastrophe einen Soforthilfefonds in Höhe von einer Million Euro ein. Das Geld stamme überwiegend von der Versicherung aber auch aus Schallers Privatvermögen, hieß es. Die Hilfe richtet sich in erster Linie an die Angehörigen der Todesopfer.

Stand: 01.08.2011, 15:09