Abschied von den Loveparade-Opfern

Bischof Overbeck entzündet während der Trauerfeier Kerzen für die Opfer der Loveparade

Trauerfeier in Duisburger Salvatorkirche

Abschied von den Loveparade-Opfern

In einer bewegenden Trauerfeier haben Angehörige, Rettungskräfte und hohe Politiker am Samstag (31.07.10) in der Duisburger Salvatorkirche Abschied von den 21 Todesopfern der Loveparade genommen.

Um 10.45 Uhr läuteten die Totenglocken in allen christlichen Duisburger Gotteshäusern. Um 11 Uhr begann die zentrale Trauerfeier in der Salvatorkirche mit 500 Gästen, von denen viele um Fassung rangen. 200 ursprünglich für Angehörige reservierte Plätze wurden von Bürgern eingenommen, weil viele Betroffene nicht kommen konnten oder wollten. In der Kirche brannten 21 Kerzen für die 21 Opfer des Unglücks. "Die Loveparade wurde zum Totentanz", sagte der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, zur Eröffnung der zentralen Gedenkfeier. Mitten hinein in ein Fest überbordender Lebensfreude habe der Tod allen sein schreckliches Gesicht gezeigt. Er erwähnte in seiner Predigt auch "Erwachsene, die wie versteinert Verantwortung von sich weg schieben." Einige hundert Trauernde hatten sich vor der Kirche versammelt, um für die Opfer zu beten.

Auch Wulff und Merkel in Trauer

Unter den Anwesenden in der Salvatorkirche waren auch Bundespräsident Christian Wulff, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Außenminister Guido Westwerwelle (FDP), Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel und der Grünen-Fraktionsvorsitzende Jürgen Trittin. Die NRW-Landesregierung war mit Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD), Innenminister Ralf Jäger (SPD) und Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) vertreten. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte bundesweite Trauerbeflaggung angeordnet.

Zu Beginn der Trauerfeier wurden eine Kerze und ein Kondolenzbuch von dem nahe gelegenen Unglücksort zum Altar gebracht. Rettungskräfte, Notfallseelsorger und andere Einsatzkräfte zündeten dann die 21 Kerzen für die Opfer der Katastrophe an. Nach dem Gottesdienst traf sich die Bundeskanzlerin hinter verschlossenen Türen mit Angehörigen.

"Leid, das lange währen wird"

Auch Bischof Franz-Josef Overbeck suchte Worte des Trostes. So gegensätzlich sei das Leben, sagte der Ruhrbischof: In dem einen Moment sei "Party angesagt", im anderen Moment "liegen wir hilflos am Boden". Man möchte das Leben gerne sicher steuern und habe es doch nicht im Griff: "Von jetzt auf gleich bricht alles zusammen. Menschen sterben, werden verletzt - an Leib und Seele. Viele stürzen in großes Leid. Leid, das lange währen wird."

Die Ohnmacht der Überlebenden

Sichtlich bewegt gedachte NRW-Ministerpräsidentin Kraft der Opfer. Es sei schwer, angesichts des Todes Worte zu finden, sagte sie. Das Leben junger Menschen sei grausam und jäh beendet worden, sie seien aus ihren "Hoffnungen und Träumen, aus ihren Zukunftsplänen, Familien und Freundeskreisen" gerissen worden: "Sie alle hatten ihre ganze Zukunft noch vor sich." Kraft, deren 17-jähriger Sohn ebenfalls bei der Loveparade war, sagte auch, dass viele Überlebende Ohnmacht empfänden, "weil sie nicht haben helfen können". Sie seien angesichts der schrecklichen Erinnerungen traumatisiert.

Wenig Andrang in der MSV-Arena

Weit weniger Menschen als erwartet verfolgten die Trauerfeier im Duisburger Stadion und auf den Videoleinwänden auf den Parkplätzen drum herum. "Wir haben am Hauptbahnhof und vor der Salvatorkirche 90 Zusatzbusse bereitgestellt, die die Menschen zur MSV-Arena bringen können", berichtete Rolf Krüßmann von der Duisburger Verkehrsgesellschaft. Doch die wurden nicht gebraucht: Laut Polizei kamen nur etwa 2.600 Menschen in die Arena, die Platz für 31.500 Besaucher hat. Der Grund dafür wird wohl gewesen sein, dass insgesamt 14 Kirchen und Gemeindehäuser im Duisburger Stadtgebiet die Möglichkeit boten, die Übertragung auf Leinwänden zu verfolgen.

Kränze am Straßentunnel

Kränze von Wulff, Merkel und anderen Repräsentanten des Staates wurden vor dem Gedenkgottesdienst vor dem Straßentunnel niedergelegt, der zu dem Unglücksort am ehemaligen Güterbahnhof führt. Dort gab es jenes Gedränge, in dessen Folge am vergangenen Samstag (24.07.10) 21 Menschen ums Leben kamen. Über 500 wurden verletzt. Die schwarzen, roten und dunkelgelben Blumen auf den Kränzen symbolisieren die Nationalfarben. Das Meer von Kerzen, die zahlreiche Menschen vor dem Tunnel abgestellt haben, wächst ständig.

In die Trauer mischt sich Wut

Starke Polizeikräfte sorgten für einen angemessenen Verlauf des Gedenkens. Es wurde nicht ausgeschlossen, dass empörte Bürger ihrem Zorn über die Behörden Luft machen wollten. Seit der Katastrophe schieben sich Veranstalter und staatliche Stellen gegenseitig die Schuld an dem Unglück zu. Duisburgs CDU-Oberbürgermeister Adolf Sauerland, dessen Rücktritt vielfach gefordert wird, lehnt einen solchen Schritt bislang ab. Er ist jedoch aus der Öffentlichkeit verschwunden und war auch nicht bei der Trauerfeier, weil er nach eigenen Angaben nicht provozieren wollte. Sauerland wird vorgeworfen, das Sicherheitskonzept für die Loveparade abgesegnet zu haben, obwohl es Lücken aufgewiesen habe. Auch Loveparade-Veranstalter Rainer Schaller erschien nicht bei der Feier.

Am Nachmittag setzte sich vom Vorplatz des Duisburger Hauptbahnhofs ein Trauermarsch mit ca. 2.500 Menschen in Bewegung, der zur Unglücksstelle zog. Dort waren wegen der Übertragungen der Trauerfeier am Samstagvormittag deutlich weniger Menschen als in den vergangenen Tagen.

Stand: 31.07.2010, 16:00