Tag 4: Jede Hilfe ist willkommen

New Yorker Bürger applaudieren  Helfern, die in Manhattan bei den Aufräumarbeiten Helfen

Die Engel vom Pier 63

Tag 4: Jede Hilfe ist willkommen

Von Herbert Bopp

Lester lacht. "Warum lachst du?", frage ich ihn. "Weil ich glücklich bin." - "Glücklich? Zwischen all dem Elend?" - "Man braucht mich hier", sagt Lester, "and this makes me very happy." - Lester ist Mexikaner. Als er die Nachricht vom Terroranschlag hörte, arbeitete er gerade als Erdnusspflücker, irgendwo in Georgia. "Zur Hölle mit den Erdnüssen", habe er zu seinem Boss gesagt. "Ich fahre nach New York, da geht es um Menschenleben".

Zwei Tage und Nächte ist Lester, Mitte 20, dann mit dem Greyhound von Atlanta nach New York gefahren. Als er dort ankam, wusste er, dass seine Entscheidung richtig war. "Schon vom Busbahnhof aus sah ich diese riesige Staubwolke", erzählt er. "Und dann dieser Gestank. Überall Rettungsfahrzeuge und Menschen, die nach ihren vermissten Angehörigen suchten." Hier wurde er gebraucht, sagt er. Hier war er richtig.

Ich treffe den Mexikaner an den Chelsea Piers, drunten am Hafen. Es ist ein strahlender New Yorker Sonntagnachmittag. Lester ist gerade auf dem Weg zu seiner zweiten Schicht. Von vier Uhr früh bis zehn Uhr dauerte die erste. Die zweite fängt um 16 Uhr an und geht bis Mitternacht. "Und was ist mit schlafen?", frage ich Lester. "Was heißt hier schlafen?", sagt er. "Schlafen kann ich, wenn ich tot bin." Das war nicht lustig. Lester merkt es nicht.

"Wir brauchen Profis!"

Eigentlich hatte Lester gehofft, bei den Rettungsarbeiten am "Ground Zero" eingesetzt zu werden. Doch am Trümmerberg haben sie ihn wieder weggeschickt. "Wir brauchen Profis", habe einer zu ihm gesagt, "und keine Peanut-Pflücker." Jetzt arbeitet Lester eben in der Versorgungsküche und schmiert Brötchen für die Profis. Mindestens 5.000 Stullen mache er pro Schicht. Darunter jede Menge Peanut-Sandwiches. Bezahlt wird Lester für seine Arbeit nicht. Übernachtung und Verpflegung bekommt er umsonst. Es gibt oft Erdnussbutter-Brötchen.

Ralph treffe ich am Pier 63, dort, wo früher die New Yorker Schlachthöfe standen. Ralph ist Anfang 30, trägt einen goldenen Ohrring und ein Kopftuch. Über der Brust trägt er einen Sheriff-Stern. Von Beruf ist Ralph Metzger. Der Vater von drei kleinen Kindern war aus Ogdensburg/New Jersey nach New York 'rüber' gekommen, als er vom Terror in Manhattan hörte. Zusammen mit seinen Kumpels Marc und Allan setzte er sich in den Pick-up, um zu helfen. Auch Marcs Freundin Wendy ist dabei. Sie bedient das Telefon in der Helferzentrale. "Es ist schon verrückt", sagt Wendy, Fußpflegerin im 900-Einwohner-Ort Ogdensburg. "Da schimpfst du jahraus, jahrein über die versnobten New Yorker. Und plötzlich hast du das Gefühl, du musst denen helfen." Um "denen" zu helfen, opfert Wendy ihren Jahresurlaub. Dabei wollte sie eigentlich mit Marc auf Verlobungsreise in die Everglades fahren.

Ein Wassermann auf dem Skateboard

Es sind die kleinen Gesten, die einen immer wieder schlucken lassen: Ein kleiner Junge, kaum zehn, rollt auf seinem Skateboard im Helferzentrum an. "Where can I help?", ruft er den Boys von der Koordinationszentrale zu. "Hol' uns mal Wasser", schreit ein bulliger Typ mit Glatze und Tattoos zurück, "aber ein bisschen plötzlich." - Ohne zu murren rollt der Junge vom Wasserdepot aus eine Bauchflasche nach der anderen in die Helferhalle. Auf dem Skateboard. Die Boys vom Rettungsdienst feuern ihn dabei an. Sie johlen und lachen und klatschen ihm zu. "Back to work, guys", ruft einer aus der Menge der Helfer. Auf seinem T-Shirt steht "Superwisor". Mit "w". Nicht mit "v".

Kölnisch Wasser in New York

Wie viele freiwillige Helfer im 24-Stunden-Einsatz sind, weiß keiner so genau. "Es müssen Zigtausende sein", sagt Wendy. Ihre Hochrechnung bezieht sich auf die Telefonate, die sie seit Tagen beantwortet. Es kommen Angebote aus allen Teilen Amerikas, Kanadas, sogar aus Europa und aus Australien. Auch einige Deutsche sind unter den freiwilligen Helfern. Ein Kerl aus Köln habe ihr schöne Augen gemacht, sagt Wendy aus Odgensburg/New Jersey. Sie wisse genau, dass er aus Köln sei. Er habe ihr nämlich "Eau de Cologne" versprochen. Das heißt doch "Wasser aus Köln, oder?", will sie von mir wissen. Klar doch, sage ich. Wasser aus Köln.

New Yorker Zitate

"Der Heilungsprozess beginnt erst mit der Revanche!"
Handgeschriebenes Plakat im Helferzentrum an den Chelsea Piers.

"Zwei Tage und Nächte lang habe ich geweint. Danach habe ich drei Tage getrunken. Jetzt bin ich pleite."
Ein bettelnder Straßenfeger an der Ecke Broadway/32nd Street.

"In meiner Heimat wäre so etwas nie möglich gewesen. Wir haben keine Wolkenkratzer."
Ein Taxifahrer aus Haiti.

"Amerika, wir schaffen das!"
Katastrophen-T-Shirt

Stand: 17.09.2001, 12:49