"Kein Geld für Sozialplan"

Werbeschriftzug von Arcandor auf einem Gebäude des Unternehmens

Interview zur Gläubigerversammlung

"Kein Geld für Sozialplan"

In Essen hat die größte Gläubigerversammlung Deutschlands begonnen - von Arcandor. Insolvenzexperte Sebastian Krause erklärt, welche Entscheidungen die Gläubiger treffen und was das für die Mitarbeiter bedeutet.

Sebastian Krause ist Fachanwalt für Insolvenzrecht und Professor für Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule für Ökonomie und Management in Essen.

WDR.de: In der Essener Grugahalle tagen die Gläubiger von Arcandor und den Tochtergesellschaften. Inwieweit legt die Gläubigerversammlung fest, was mit der insolventen Muttergesellschaft und ihren Töchtern Karstadt und Quelle jetzt passiert?

Sebastian Krause: Die Gläubigerversammlung dient zum einen der Berichterstattung des Insolvenzverwalters, er wird erst einmal den Gläubigern vorstellen, was er seit dem Insolvenzantrag am 9. Juni dieses Jahres getan hat. Mit dem Bericht gibt er eine Empfehlung an die Gläubigerversammlung ab, was mit der Gesellschaft passieren soll: Ob eine Sanierung erfolgen soll, ob eine übertragene Sanierung angestrebt wird - das bedeutet das Unternehmen wird möglichst als Ganzes verkauft - oder ob das Unternehmen eingestellt und liquidiert wird, weil nichts mehr da ist, was für Investoren von Interesse ist. Es wird also ganz unterschiedliche Empfehlungen und Beschlüsse geben für die Muttergesellschaft Arcandor und die Töchter Karstadt und Quelle.

WDR.de: Wie werden die ihrer Meinung nach aussehen?

Krause: Bei der Muttergesellschaft Arcandor ist das relativ unspektakulär, sie hat ja kein eigenes Vermögen mehr. Der Insolvenzverwalter empfiehlt vermutlich, den Konzernsitz in Essen zu schließen und die knapp 100 Mitarbeiter dort frei zu stellen. Quelle war bisher unverkäuflich, hier muss man davon ausgehen, dass die Gläubiger den Beschluss, zu liquidieren, ebenfalls bestätigen. Es ist ja nicht einmal genug Geld da, um den laufenden Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. Auch die 50 Millionen Euro Massekredit des Staates, die vorrangig bedient werden müssten, können möglicherweise nicht mehr zurückgezahlt werden. Für die Mitarbeiter ist das insofern schlimm, weil kein Geld mehr übrig ist, um einen Sozialplan aufzustellen, das heißt: Die Quelle-Mitarbeiter verlassen das Unternehmen ohne Abfindung oder sonst irgendwelche Leistungen, die im Sozialplan vorgesehen wären.

WDR.de: Für Karstadt gibt es noch am meisten Hoffnung auf einen Verkauf. Was wird der Insolvenzverwalter hier empfehlen?

Krause: Da wird der Insolvenzverwalter sich einen sogenannten Vorratsbeschluss einholen, das Unternehmen bestmöglich zu verkaufen, auch wenn jetzt noch nicht fest steht, ob ein Investor oder ein Konsortium aus Investoren Karstadt oder einzelne Häuser davon übernehmen wird. Der Vorratsbeschluss macht später einen Verkauf möglich, ohne dass noch einmal die Gläubiger befragt werden müssen. Für die Mitarbeiter hat das eine Reihe von Vorteilen: Teilweise wird wohl der neue Eigentümer Beschäftigte übernehmen, teilweise werden sie in einer sogenannten Transfergesellschaft aufgefangen. Diese Transfergesellschaften haben meist eine Laufzeit von zwölf Monaten und werden von der Bundesagentur für Arbeit, von der Insolvenzmasse, und oft auch teilweise vom jeweiligen Investor getragen. Sie versuchen, die Mitarbeiter neu zu vermitteln - in der Handelsbranche rechnet man durchschnittlich mit einer Vermittlungsquote von 18 Prozent.

WDR.de: Die Mitarbeiter haben sich entschlossen, einen Sanierungsbeitrag zu leisten und jährlich für drei Jahre 50 Millionen Euro bei ihrem Urlaubs- und Weihnachtsgeld einzusparen. Kann das mehr Karstadt-Häuser retten als bisher gedacht? Von 17 bis 19 Häusern war die Rede, die auf der Schließungsliste stehen sollen.

Krause: Man darf nicht vergessen, dass diese Zugeständnisse der Mitarbeiter - und das völlig zu Recht - auch irgendwann auslaufen. Sie können aktuell sicher helfen, die Häuser profitabler zu machen, einige vielleicht in die schwarzen Zahlen zu heben. Langfristig rechne ich eher damit, dass mehr als die bislang bedrohten 17 bis 19 Häuser nicht profitabel sein werden, von 20 bis 30 Standorten ist bisweilen die Rede. Das heißt aber nicht, dass sie automatisch vor dem Aus stehen, wenn ein möglicher Investor Metro diese Häuser nicht übernehmen will. Hier sind Insellösungen denkbar.

Es kann durchaus sein, dass Investoren, die sich auf das Geschäft mit kleinen Filialen spezialisiert haben, solche Standorte herauspicken und ein Shop-in Shop-Konzept umsetzen. Das bedeutet, dass aus einem großen Warenhaus mit einem Gemischtangebot plötzlich viele kleine Geschäfte hervorgehen. Dann wäre es kein Warenhaus mehr, sondern mehr Shopping Mall mit vielen Einzelgeschäften. Ein Investor wäre dann auch nicht mehr an die Tarife, die bei Karstadt gelten, gebunden, was sicher ein Grund dafür ist, warum sich Investoren für Karstadt-Standorte interessieren werden.

WDR.de: Wenn die Gläubiger zusammen kommen um über die Zukunft von Karstadt und Quelle zu entscheiden, sind dann alle Mitarbeiter automatisch auch Gläubiger? Und welche Chance haben sie, etwas aus der Insolvenzmasse zu bekommen?

Krause: Nein, nicht alle Mitarbeiter sind automatisch Gläubiger. Es geht bei den Mitarbeitern auch hauptsächlich um Leistungen, die sie erbracht haben, bevor das Unternehmen insolvent wurde. Bei Warenhäusern beispielsweise sind das Urlaubstage, die sie ausgezahlt bekommen würden oder andere tarifliche Zulagen. Das sind häufig kleinere Beträge, um die es geht. Die Chancen, dass die Mitarbeiter diese Zahlungen noch bekommen, sind allerdings eher gering.

Das Interview führte Petra Blum.

Stand: 09.11.2009, 18:16