"Die Mitarbeiter sind die Opfer"

Eine Mensch geht vor dem Arcandor-Schriftzug in der Zentrale in Essen vorbei

Interview zur Managerverantwortung

"Die Mitarbeiter sind die Opfer"

Karstadt ist pleite, doch wer haftet für Fehlentscheidungen des Managements? Der Wirtschaftsethiker Joachim Wiemeyer erklärt, wie Vorstände ihre Verantwortung abwälzen - während die Folgen aus Pleiten die Mitarbeiter tragen.

Joachim Wiemeyer ist Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum. Zu seinen Schwerpunkten gehören Wirtschafts- und Sozialethik.

WDR.de: Die Karstadt-Beschäftigten verhandeln derzeit in Essen mit dem Insolvenzverwalter um einen Sanierungsbeitrag von insgesamt 150 Millionen Euro. Sie sollen weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld bekommen und mehr arbeiten. Der ehemalige Arcandor-Chef Gerhard Eick hingegen ist mit 15 Millionen Abfindung gegangen, obwohl er nur ein halbes Jahr im Amt war. Ist das noch zu rechtfertigen?

Professor Jochen Wiemeyer: Kaum. Herr Eick hat ja auf die Kritik reagiert, weil er diese Diskrepanz wohl auch empfunden hat. Er will nun ein Drittel seiner Abfindung spenden. Den generellen Trend aber, dass die Abstände zwischen den Gehältern der Belegschaft und denen des Spitzenmanagements immer mehr auseinander klaffen, gibt es nicht erst seit Herrn Eick. Die haben wir schon seit Jahren in Deutschland, und ich halte das grundsätzlich auch für eine Fehlentwicklung. Wenn ein Unternehmen dann noch in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommt, sollte das Management eigentlich mit Gehaltsverzicht vorangehen, und nicht, wie bei der Pleite von Arcandor, mit hohen Abfindungen das Unternehmen verlassen, während die Mitarbeiter durch Einbußen beim Lohn einen Sanierungsbeitrag leisten müssen.

WDR.de: Die hohe Abfindung an Herrn Eick kam dadurch zustande, dass er das volle Gehalt für fünf Jahre Vertragslaufzeit zugesichert bekommen hatte, egal wie lange seine tatsächliche Amtszeit dauern würde. Reicht da eine Millionenspende, um die als ungerechtfertigt kritisierte Abfindung auszugleichen?

Wiemeyer: Wohl nicht, denn das Problem für die Mitarbeiter besteht ja weiterhin: Sie sind Opfer des Missmanagements der Unternehmensleitung, und das hat ja nicht nur Herr Eick zu verantworten, sondern bereits die Vorgänger-Führungsriege unter Herrn Middelhoff. Es ist ein Problem in einem marktwirtschaftlichen System, das sich nur schwer beseitigen lässt: Wegen krasser Fehlentscheidung des Managements haften schlussendlich die Mitarbeiter mit Lohnkürzungen oder verlieren ihren Arbeitsplatz.

WDR.de: Eine Rechtfertigung für hohe Managervergütungen lautet oft: Sie tragen auch eine hohe Verantwortung. Warum werden Topmanager nach Pleiten wie bei Arcandor nicht zur Rechenschaft gezogen?

Wiemeyer: Häufig wird die Verantwortung abgewälzt. Die meisten Manager von Großkonzernen sind beispielsweise durch Haftpflichtversicherungen dagegen abgesichert, dass sie Schadenersatz leisten müssen, wenn sie für Fehlentscheidungen zur Rechenschaft gezogen werden sollen. Diese Versicherungspolicen werden meist auch noch von den Unternehmen selbst bezahlt. Wenn dann die Firma ihre Ex- Vorstände oder Aufsichtsräte zur Verantwortung zieht, muss der Manager nicht einmal mit seinem Einkommen persönlich haften, sondern die Versicherung springt ein. Ich kann aber als Manager doch nicht sagen, ich trage so viel Verantwortung für dieses Unternehmen, deshalb bekomme ich eine so hohe Vergütung - wenn aber etwas schief läuft, hafte ich nicht einmal im begrenztem Umfang dafür mit meinem Vermögen.

WDR.de: Haben die Mitarbeiter keine Möglichkeit, ihre Manager in die Verantwortung zu nehmen?

Wiemeyer: Es ist ja so, dass die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat vertreten sind und dadurch über die personelle Besetzung des Managements und dessen Vergütung mitentscheiden - das ist eigentlich der Hebel, über den die Arbeitnehmer Mitspracherecht haben. Leider hat das bisher nicht erkennbar geholfen, solche Fälle wie die dramatische Entwicklung bei Arcandor zu verhindern.

WDR.de: Welche weiteren Möglichkeiten gibt es denn, damit Manager mehr Verantwortung für die langfristige Entwicklung ihres Unternehmens übernehmen?

Wiemeyer: Es gibt die Möglichkeit, die Vergütung des Managements anders zu gestalten: Teile des Gehalts, die vorher variabel waren und eher motiviert haben, zu große Risiken einzugehen, um kurzfristige Gewinne zu realisieren - wie wir es in der Finanzmarktkrise häufig gesehen haben - müssten anders ausgearbeitet werden. Das größte Problem ist aber: Der Manager, der vielleicht eine hohe Vergütung bezieht, während seiner Amtszeit Fehlentscheidungen trifft und das Unternehmen in Schieflage bringt, musste bisher nicht persönlich und mit seinem Vermögen dafür haften. Dies ist in diesem Jahr endlich durch die Einführung eines Selbstbehalts gesetzlich geändert worden. Das heißt, Manager müssen selbst aus eigener Tasche nach Fehlentscheidungen einen Teil bezahlen.

WDR.de: Hat die Finanzkrise dieses Umdenken bei Managergehältern angestoßen?

Wiemeyer: Es gibt gerade im Bankensektor bereits eine gewisse Deckelung, nämlich konkret bei den Banken, die der Staat massiv stützen musste und wo er das Gehalt der Manager auf 500.000 Euro im Jahr begrenzt. Allerdings gibt es immer noch verstörende Fälle wie beispielsweise die Gerichtsverfahren, die einige Ex-Banker der Dresdner Bank angestrengt haben: Sie wollen ihre Boni aus alten Verträgen einklagen. Ich finde diese Prozesse sehr seltsam. Hier sollen Boni nachgezahlt werden, obwohl die Dresdner Bank hohe Verluste eingefahren hatte und von der Commerzbank übernommen werden musste. Wenn diese nicht mit 18 Milliarden Euro Staatshilfe gestützt worden wäre, könnten die Boni gar nicht gezahlt werden.

WDR.de: Welche Folgen haben Fälle wie Arcandor oder die Dresdner Bank - spitzen sie die Debatte um soziale Ungleichheit noch mehr zu?

Wiemeyer: Natürlich ist es nachvollziehbar, dass die Gesellschaft nach der Bankenkrise sagt: Es kann doch nicht sein, dass Milliarden von Steuergelder fließen, weil einige Top-Führungskräfte ihre Banken in Schieflage gebracht haben und diese weiterhin derart hohe Boni und Gehälter bekommen. Das widerspricht auch unserem Konzept einer sozialen Marktwirtschaft - wie auch generell die großen Abstände zwischen Vorstandsvergütung und dem Lohn der Belegschaft. Ich halte es für eine grobe Fehlentwicklung, wenn man das Management durch exorbitant hohe Gehälter vom Rest der Belegschaft abhebt.

Das Gespräch führte Petra Blum.

Stand: 30.10.2009, 06:00