Friedrich Nowottny

1985-1995

Friedrich Nowottny

"Seinem Profil wurden unterschiedliche Eigenschaften zugeordnet: großer Charme einerseits, ein Stück Menschenverachtung andererseits. Diese Zuordnungen wurden von der ihm eigenen Ironie überlagert, die ihm sicherlich half, seine spezifische Unabhängigkeit in vielen Lebenslagen zu bewahren." - Reinhard Grätz, Vorsitzender des Rundfunkrats, 2004.

Friedrich Nowottny

Die Wahl des neuen Intendanten nach dem Amtsverzicht Friedrich-Wilhelm v. Sells fand am 25. Januar 1985 knapp zwei Monate vor der Novellierung des WDR-Gesetzes statt. Als Folge schlug sich in ihr ein letztes Mal die seit 30 Jahren parteipolitisch unveränderte Zusammensetzung der Gremien nieder. Der parteilose Friedrich Nowottny, bis dahin Leiter des ARD-Studios Bonn und von der CDU als Kandidat vorgeschlagen, wurde mit vier zu drei Stimmen des Verwaltungsrates gewählt, und diese Wahl wurde mit elf zu zehn Stimmen vom Rundfunkrat bestätigt. Die SPD verweigerte Nowottny die Zustimmung, hatte aber selbst keinen Gegenkandidaten.

Mit Friedrich Nowottny übernahm nun erstmals ein Journalist die Verantwortung für den Sender - ein Journalist zudem, der dank seines allwöchentlichen Auftritts als Moderator des Berichts aus Bonn zu den bundesweit populärsten Vertretern seines Metiers zählte.

Friedrich Nowottny stammt aus Oberschlesien und wurde am 16. Mai 1929 in Hindenburg (heute Zabrzc) geboren. Sein Vater, ein Schmiedemeister, fiel in den letzten Tagen des Krieges, und das Kriegsende beendete abrupt auch die schulische Laufbahn des Sohnes. Die Flucht in den Westen fand für den 16-jährigen schließlich in Bielefeld sein Ende, wo er sich einige Jahre mit verschiedenen Beschäftigungen durchschlug. Erst 1950 entschloss er sich, eine "normale" Berufslaufbahn anzusteuern - allerdings nicht im Journalismus, sondern in der Versicherungswirtschaft. Nowottny trat als Praktikant bei der Hauptverwaltung der Deutschen Eisenbahnversicherungskasse ein, die in Bielefeld ihren Sitz hatte, und brachte es bis zum Assistenten des Vorstandsvorsitzenden.

Drei Jahre später fand er, mittlerweile 24 Jahre alt, zu dem Beruf, für den er bestimmt war: Er absolvierte zunächst ein Volontariat bei der Bielefelder "Freien Presse", wurde nach einigen Jahren Redakteur und schließlich Ressortchef für Wirtschaft und Soziales, und war gelegentlich freier Mitarbeiter beim Bielefelder Hörfunkstudio des WDR. 1962 wechselte er dann in ein neues Medium und wurde Leiter der Abteilung Wirtschaft/Soziales beim Fernsehen des Saarländischen Rundfunks und drei Jahre später Stellvertretender Chefredakteur. Durch seine Beteiligung an der Sendereihe "Der Markt - Wirtschaft für Jedermann" wurde der Leiter des Bonner Fernsehstudios, Günter Müggenburg, auf ihn aufmerksam und holte ihn schließlich an den Rhein. So wurde Nowottny am 1. April 1967 Erster Redakteur und Stellvertretender Leiter des Fernsehstudios Bonn des WDR und stieg am 1. Februar 1973 in die Position des Studiochefs - und des Chefkorrespondenten der ARD - auf.

Nowottny übernahm die Leitung des WDR in einer denkbar schwierigen Zeit. Die private Konkurrenz feierte ihre ersten Erfolge, die öffentlich-rechtlichen Anstalten fühlten sich in die Defensive gedrängt, Struktur und Schwerpunkte des ersten Fernsehprogramms waren ebenso umstritten wie die des Westdeutschen Fernsehens, und auch der WDR-Hörfunk hatte sich gegen starke in- und ausländische Konkurrenz zu behaupten. Intern mussten neue Formen der Zusammenarbeit mit den Aufsichtsgremien gefunden werden, insbesondere mit dem Rundfunkrat, dessen gestärkte Kompetenzen und veränderte Zusammensetzung das Gremium weniger berechenbar machten, als dies bisher angesichts seiner eindeutigen parteipolitischen Ausrichtung der Fall gewesen war.

Der neue Intendant konzentrierte sich ganz auf die neue Aufgabe und gab die ihm vertraute journalistische Arbeit für die nächsten Jahre vollständig auf. Seine Strategie in der Auseinandersetzung mit der kommerziellen Konkurrenz drückte sich vornehmlich in rundfunkpolitischen und organisatorischen Maßnahmen aus. Beispielhaft für Letztere ist die Weiterführung der von seinem Vorgänger eingeleiteten Regionalisierung und Dezentralisierung. Gegen starke Widerstände aus der betroffenen Mitarbeiterschaft setze er 1991 die Verlegung des Fernsehprogrammbereichs "Landesprogramme" in den zu diesem Zweck errichteten Neubau des Landesstudios Düsseldorf durch. Die hierfür in Köln frei werdenden Ressource nutzte er, um den ARD-Anteil des wöchentlich mit dem ZDF wechselnden "Morgenmagazins" für den WDR zu reklamieren. Ein weiteres Beispiel für rundfunkpolitisch wichtige Entscheidungen, die in Nowottnys Amtszeit fielen, ist die Einführung von Hörfunkwerbung ab November 1987, ein anderes die Sicherung und Nutzung der Frequenzen für eine fünfte landesweite Hörfunkkette.

Der Rundfunkrat honorierte Nowottnys Amtsführung, indem es ihn am 20. September 1989 mit überwältigender Mehrheit in seinem Amt bestätigte (36 zu 5 Stimmen). Die Wahl erfolgte für sechs Jahre, Nowottny trat jedoch ein Jahr vor dem Ende seiner Amtszeit 1995 zurück.

Text (in gekürzter Fassung):
Klaus Katz; Quelle: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR, Band 3: Der Sender im Wettbewerb 1985-2005, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006.