Friedrich-Wilhem von Sell

Intendant des WDR von 1976 bis 1985

1976-1985

Friedrich-Wilhem von Sell

Friedrich-Wilhelm von Sell "hatte zwei wichtige Begabungen: einen rundfunkrechtlichen Sachverstand, der manchen parteipolitischen Kläffer verstummen ließ, und eine Bildung, die manchem Besserwisser den Atem nahm." - Günter Brakelmann

Friedrich-Wilhelm Freiherr v. Sell wurde am 23. Januar 1926 in Potsdam als Sohn eines Offiziers geboren. Wie sein Vorgänger von Bismarck erhielt auch v. Sell eine solide humanistische Schulbildung. Nach dem Abitur wurde er 1944 zum Militärdienst eingezogen und geriet 1945 in britische Gefangenschaft. Sein Studium der Rechtswissenschaft, der Philosophie und der Bildenden Kunst begann v. Sell 1946 in Erlangen, wechselte aber im Frühsommer 1948 nach Berlin über, wo er sich am Aufbau der Freien Universität beteiligte und 1950 das erste juristische Examen ablegte. Anfang des Jahres 1955 bestand er die zweite juristische Staatsprüfung und wurde als Rechtsanwalt in Berlin zugelassen. Wenige Monate später begann der noch nicht einmal 30-Jährige als Justiziar des Senders Freies Berlin seine Rundfunkkarriere, die ihn über das Amt des Verwaltungsdirektors und Justiziars des Deutschlandfunks (1962-1971) am 1. Mai 1971 auf den Posten des Verwaltungsdirektors und Stellvertretenden Intendanten des WDR führte.

Bereits in seiner Position des Verwaltungsdirektors wurde in der Arbeitsweise v. Sells ein Grundmuster erkennbar, das auch seine spätere Intendantentätigkeit kennzeichnete: die Fähigkeit, grundsätzliche und dank zahlreicher misslungener Versuche als kaum lösbar empfundene Probleme genau zu analysieren, um ihnen danach mit unkonventionellen Entscheidungen, zuweilen verbunden mit einer beträchtlichen Risikobereitschaft, zu begegnen. Damit schaffte er sich nicht nur Freunde. Insbesondere seine Entscheidung, mehrere hundert Klagen freier Mitarbeiter auf Festanstellung juristisch abzuwehren und die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) in Köln aufzubauen, um sich von der Bundespost unabhängig zu machen, waren umstritten.

Es waren nicht zuletzt die erfolgreichen Verwaltungsmaßnahmen, die 1975 den Intendanten von Bismarck veranlassten, seinen Stellvertreter auch als seinen Nachfolger zu empfehlen. Allerdings wurde v. Sell entgegen von Bismarcks Erwartungen eindeutig als Kandidat der SPD gesehen und somit am 6. Oktober 1975 nur mit vier zu drei Stimmen zum Intendanten gewählt, und diese Wahl wurde am 17. Oktober 1975 vom Rundfunkrat mit elf gegen neun Stimmen bestätigt. Es spricht für v. Sells Amtsführung, dass er fünf Jahre später - trotz parteipolitisch unveränderter Zusammensetzung - vom Verwaltungsrat einstimmig wiedergewählt und diese Wahl mit 19 Ja- zu zwei Nein-Stimmen bestätigt wurde.

Seine wichtigste und für die weitere Entwicklung des WDR grundlegende Initiative fiel in diese zweite Amtszeit: die Regionalisierung und Dezentralisierung des Unternehmens, die v. Sell zu Beginn der 80er Jahre ankündigte, um der unaufhaltsam näher kommenden privaten und kommerziellen Konkurrenz zu begegnen. Auch dieses Projekt stieß auf Vorbehalte: Zum einen war zu erwarten, dass die Dezentralisierung eine umfangreiche Verlagerung von Personal und Finanzmitteln aus Köln in die Region voraussetzte, die zwangsläufig zu Lasten der in der Zentrale verbleibenden Betriebsteile gehen musste. Zum anderen befürchteten viele als Folge der deutlichen Aufwertung der regionalen Studios eine "Provinzialisierung" des Programms.

Einen sichtlichen Erfolg bei der Dezentralisierung konnte v. Sell erste gegen Ende seiner Amtszeit erzielen. So kam es erst 1991 zur Verlegung aller für die Berichterstattung aus NRW zuständigen Redaktionen in den hierfür errichteten Neubau des Landesstudios Düsseldorf. Geradezu spektakulär war schließlich eine weitere zukunftsweisende Initiative: der Abschluss eines langfristigen Lizenzvertrags mit der amerikanischen Filmgesellschaft MGM/United Artists, den v. Sell 1984 als Aufsichtsratsvorsitzender der Degeto-Film GmbH zu Stande brachte. Für einen Gesamtpreis von 80 Millionen Dollar erwarb diese für den Filmeinkauf zuständige ARD-Tochtergesellschaft die Rechte an mehr als 1.500 Spielfilmen sowie Fernsehproduktionen und Zeichentrickfilmen.

Indessen wurde der WDR einmal mehr zum Schauplatz eines Parteienstreits um die Personalpolitik des Hauses. Der Intendant v. Sell sah sich in den von ihm zu verantwortenden Entscheidungen so behindert, dass er schließlich von sich aus einen Schlusspunkt setzte. Im Dezember 1983 teilte er den Gremien mit, dass er für eine dritte Amtsperiode. die 1986 begonnen hätte, nicht mehr zur Verfügung stehe. Aus gesundheitlichen Gründen schied er bereits 1985 aus dem WDR aus.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt beteiligte sich v. Sell auch weiterhin - praktisch, publizistisch und wissenschaftlich - an der Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks.

Text (in gekürzter Fassung): Klaus Katz
Quelle: Am Puls der Zeit. 50 Jahre WDR, Band 2: Der Sender: Weltweit nah dran 1956-1985, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2006.