6. Dezember 1969 - Das Altamont Free Concert der Rolling Stones

Mick Jagger am Mikro und heranstürmende Hells Angels auf der Bühne bei Rolling-Stones-Auftritt in Altamont

Stichtag

6. Dezember 1969 - Das Altamont Free Concert der Rolling Stones

Mehr als drei Jahre sind die Rolling Stones nicht mehr in den USA aufgetreten. Umso voller sind die Arenen, als Jagger, Richards & Co. im November 1969 mit ihrer neuen LP "Let it Bleed" im Gepäck durch die Staaten touren. Viele Fans aber sind sauer über die teuren Tickets. Deshalb kündigt Mick Jagger in New York zum Tour-Finale für den 6. Dezember ein freies Konzert in Kalifornien an.

Eine Woche feilscht das Stones-Management mit Veranstaltern um die Konditionen der Show, bei der auch andere Topgruppen der Hippieszene auftreten werden. Die Entscheidung für den Altamont Speedway bei Livermore, rund 75 Kilometer von San Francisco entfernt, fällt erst am vorletzten Abend. Als Schutztruppe an der Bühne engagieren die Stones gegen Freibier die Hells Angels – eine verhängnisvolle Wahl, wie sich bald erweist.

Organisationschaos und Rocker-Terror

Mit Blick auf das Chaos beim Woodstock-Festival vier Monate zuvor hatte Mick Jagger getönt: "Wir werden einen Mikrokosmos der Gesellschaft schaffen, der dem Rest Amerikas ein Beispiel gibt, wie man sich in einer Menschenmasse verhält." Die Wahrheit ist: Es kommt noch schlimmer als in Woodstock. In der Kürze der Zeit kann nur eine kleine, viel zu niedrige Bühne gebaut werden, Umzäunung, Parkplätze, Toiletten – nichts wird fertig. Statt der erwarteten 80.000 Besucher kommen 300.000. Bei Konzertbeginn drängen die Massen gegen den Rand der Bühne, auf der meist mehr Hells Angels als Musiker stehen.

Als Anheizer treten unter anderem Woodstock-Star Santana, Ike & Tina Turner und Jefferson Airplane auf. Die Rocker-Ordnertruppe macht von Anfang an brutal klar, wer für sie der Chef im Ring ist. Nicht nur die Zuschauer werden von den Hells Angels bedroht und zusammengeschlagen. Auch Sänger Marty Balin von Jefferson Airplane bekommt einen Faustschlag ins Gesicht. Niemand wagt es einzugreifen, auch nicht die Veranstalter, die Rolling Stones. Daraufhin verzichten die Grateful Dead auf ihren Auftritt und verschwinden.

Mord vor der Bühne

Mit steigendem Alkohol- und Drogenpegel benehmen sich die Hells Angels immer aggressiver. Als die Rolling Stones endlich zu spielen beginnen, stehen alle Zeichen auf Eskalation. Direkt vor der Bühne kommt es zu üblen Schlägereien. Mick Jagger unterbricht mehrfach, um die Lage und vor allem die Hells Angels zu beruhigen. Vergeblich. Während die Stones "Under My Thumb" spielen, wird keine 20 Meter entfernt der 18-jährige Meredith Hunter von einem Rocker mit Messerstichen in den Rücken tödlich verletzt. Der Täter und andere Angels treten auf den Sterbenden ein, bis Helfer sie zurückdrängen und Meredith Hunter hinter die Bühne bringen können.

Hunter soll mit einer Waffe auf die Bühne gezielt haben. Augenzeugen sagen allerdings aus, die Hells Angels hätten den jungen Schwarzen bedroht, weil er mit einer weißen Freundin da war. Nach mehrfachen Misshandlungen hätte Hunter als letzte Rettung die Waffe gezogen und in die Luft gehalten. Stones-Frontmann Jagger schaut dem Geschehen rat- und hilflos zu, dann spielt die Band ihr Konzert zu Ende. Drei weitere Menschen kommen in Altamont bei Unfällen ums Leben. Der Messerstecher wird später wegen Notwehr freigesprochen. Die bunte Love & Peace-Seifenblase der Hippiezeit ist an jenem 6. Dezember 1969 engültig geplatzt. "Wenn Woodstock der Traum war", sagt der britische Fotograf Eamon McCabe, "dann war Altamont der Albtraum."

Stand: 06.12.2014

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