27. Juni 1994 - Skandal um Stefan Effenbergs "Stinkefinger"

Stefan Effenberg im Nationalmannschaftstrikot bei Länderspiel

Stichtag

27. Juni 1994 - Skandal um Stefan Effenbergs "Stinkefinger"

In Brasilien kämpft die deutsche Nationalelf derzeit um ihren vierten WM-Titel. Aus der Heimat bekam Joachim Löw harsche Kritik an seiner Teamtaktik zu hören. "Schweinsteiger darf niemals von der Bank kommen", erklärt Stefan Effenberg via Presse dem Bundestrainer. "Schweinsteiger gehört in die Mannschaft." Gegen die USA durfte "Schweini" dann tatsächlich von Beginn an ran. Ob Löw dabei wirklich Effenbergs Dekret gefolgt ist, darf bezweifelt werden.

Dem Ex-Nationalspieler mit 35 Einsätzen im DFB-Trikot dürfte klar sein, wie solche Belehrungen beim Bundestrainer ankommen. Doch Diplomatie und Bescheidenheit gehörten nie zu Effenbergs Stärken. In seiner aktiven Zeit sammelte der Angreifer Pokale und Titel in Serie, sah aber auch mehr gelbe Karten als jeder andere Bundesliga-Profi. Seinen folgenschwersten Ausraster leistet sich der selbsternannte "Tiger" in der Nationalmannschaf während der Weltmeisterschaft 1994 in den USA.

Vom Bundestrainer verbannt

Nach zwei mittelmäßigen Spielen in der Vorrunde trifft Deutschland am 27. Juni auf Südkorea. In der Cotton Bowl von Dallas kann die müde Truppe von Bundestrainer Berti Vogts wieder nicht überzeugen. Vor allem der gewohnt arrogant agierende Effenberg erntet von den DFB-Fans gnadenlose Pfiffe. Nach einer gelben Karte holt Vogts den testosterongeladenen Mittelfeldstar vom Platz. Als deutsche Fans Effenbergs Abgang auch noch lautstark mit abfälligen Kommentaren quittieren, zeigt ihnen der angefressene "Tiger" höhnisch lächelnd den ausgestreckten Mittelfinger.

Auf den skandalösen Stinkefinger gibt es für Bundestrainer Vogts nur eine Antwort: Er wirft Effenberg aus dem Kader und teilt der versammelten Weltpresse mit: "Solange ich für die Nationalmannschaft verantwortlich bin, wird Stefan Effenberg nicht mehr für Deutschland spielen." DFB-Präsident Egidius Braun, entrüstet bis ins Mark, stärkt Vogts den Rücken: "Da geht so ein Mensch hin…und erlaubt sich solche Obszönitäten. Lieber gar keine Nationalmannschaft als so eine." Nur "Kaiser" Franz Beckenbauer lässt per "Bild"-Kolumne wissen: "Effe weg, ich find’s falsch."

Grätsche gegen Arbeitslose

Effenbergs erigierter Mittelfinger geht um die Welt und zementiert den Ruf des 25-Jährigen als "enfant terrible" des deutschen Fußballs. Auch nach dem "Stinkefinger"-Skandal lässt der gelernte Postangestellte aus Hamburg keine Gelegenheit zur Provokation aus, auf dem Platz wie im Privatleben. So bescheinigt der Fußball-Millionario Arbeitslosen, sie seien zu faul, weil es ihnen viel zu gut gehe; einen Polizisten soll er als "Arschloch" tituliert haben. Auf Kritik reagiert der "Tiger" entweder cool - "Es wird immer viel geschrieben und viel erzählt und hochsterilisiert" - oder angriffslustig: "Weil ich bin einer, der lässt sich das nicht gefallen, Freunde der Sonne!"

Trotz des Rausschmisses 1994 kann Bundestrainer Vogts auf Effenbergs Offensivqualitäten nicht verzichten. Nach dem WM-Viertelfinal-Aus 1998 in Frankreich in der Kritik, holt er den Mittelfeldspieler von Bayern München zurück in die Nationalelf. Doch nur zwei wenig beeindruckende Spiele später zieht Effenberg den DFB-Dress endgültig aus. 2001, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, gewinnt er mit den Bayern die Meisterschaft, die Champions League und den Weltpokal. Zur Feier seines Abschieds vom aktiven Fußball macht sich Stefan Effenberg 2003 dann noch einmal allseits unbeliebt. In seiner Autobiografie "Ich hab’s allen gezeigt" hält der "Tiger" Teamkollegen, Trainern, Funktionären und Medien den verbalen Stinkefinger hin. "Keine Frage: Hier ist ein Meister am Werk", höhnt der "Spiegel".

Stand: 27.06.2014

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