4. April 1932 - "Letzter deutscher Kriegsgefangener" wird begnadigt

Die Teufelsinsel vor der Küste des südamerikanischen Französisch-Guyana

Stichtag

4. April 1932 - "Letzter deutscher Kriegsgefangener" wird begnadigt

Tausende stehen am 2. Mai 1932 am Bahnhof von Kehl und jubeln. Nach 13 Jahren Gefangenschaft kehrt Alfons Paoli Schwartz in seine Heimatstadt zurück - als sogenannter letzter deutscher Kriegsgefangener des Ersten Weltkriegs. Tatsächlich ist Schwartz aber erst nach dem Krieg in französische Gefangenschaft gekommen. Die Vorgeschichte: Schwartz wird 1886 zwar auf Korsika geboren, seine Eltern stammen allerdings aus dem Elsass, wo er auch aufwächst. Im Ersten Weltkrieg dient Schwartz bei der deutschen Geheimen Feldpolizei, also der militärischen Spionageabwehr.

Nach Kriegsende lebt Schwartz als Privatlehrer in Kehl. Die Grenzstadt am Oberrhein gegenüber von Straßburg ist zu dieser Zeit von den Franzosen besetzt. 1919 gerät Schwartz in eine Militärkontrolle und muss seine Papiere zeigen. Der französische Offizier stellt fest, dass Schwartz in Frankreich geboren wurde und gleichzeitig für die Deutschen gekämpft hat. Deshalb wird Schwartz verhaftet. Am 20. März 1921 wird er vom Ersten Kriegsgericht in Châlons-sur-Marne zu lebenslanger Zwangsarbeit auf der sogenannten Teufelsinsel vor der Küste des südamerikanischen Französisch-Guyana verurteilt. Dorthin deportiert Frankreich von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis in die 1940er Jahre politische Gefangene.

Märtyrer aus Sicht der Nazis

Schwartz, der mehrmals erfolglos zu fliehen versucht, hat eine kleine Hütte auf der Insel. "Er schrieb eine kleine Tier- und Pflanzenkunde, ordnete alles katalogmäßig und übersetzte sie in fünf Sprachen", sagt Familienforscherin Brigitta Gerloff. 1927 starten einige deutsche Zeitungen eine Kampagne zur "Affäre Schwartz" und verlangen die Freilassung "des letzten deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich". Die "Neue Welt" fragt am 22. November 1929: "Wie lange muss der Elsässer Alfons Paoli Schwartz noch in Guyana bleiben?"

Die Pressekampagne löst diplomatische Verwicklungen aus. 1931 thematisiert der Abgeordnete Otto Rippel den Fall Schwartz im Reichstag. Auch die deutsche Abteilung der Menschenrechtsliga beschäftigt sich damit. Schließlich lassen die Franzosen Schwartz - ohne Gegenleistung von deutscher Seite - am 4. April 1932 frei. Kurz nach seiner Rückkehr erscheint das Buch "Von der Teufelsinsel zum Leben" von Paul Coelestin Ettighoffer. Er stützt sich auf die Erinnerungen von Schwartz und bezeichnet ihn als "Märtyrer und Opfer des französischen Chauvinismus". Bis 1938 werden fast 140.000 Exemplare verkauft. Ettighoffer ist Nationalsozialist; genauso wie Friedrich Grimm, der das Vorwort geschrieben hat zu dem Roman.

Schon vor 1914 spioniert?

Eine ganz andere Geschichte erzählt 2009 der französische Historiker Gerald Sawicki in einem Aufsatz über den Fall Schwartz. Bereits der Vater von Schwartz soll ein Geheimagent der deutschen Abwehr gewesen sein. Schwartz selbst soll schon vor 1914 spioniert haben - unter dem Codenamen: "Agent 39". Dabei soll er nicht zimperlich gewesen sein. Die Franzosen werfen ihm zum Beispiel vor, dass er sich persönlich bereichert und Verhörte schlecht behandelt hat. "Dann ist ihm ein Notzuchtverbrechen vorgeworfen worden", sagt Historiker Georg Wurzer.

Nach seiner Freilassung verliert sich die Spur von "Agent 39". Schwartz sei kein Unschuldslamm gewesen, sagt Wurzer: "Aus französischer Sicht gibt es genug Grund, die Verhaftung und Verurteilung auch heute noch als legitim anzusehen." Die Unterlagen des französischen Geheimdienstes sind nach 1941 nach Deutschland und 1945 nach Moskau gebracht worden. Dort findet sich ein letzter Hinweis auf Schwartz. Im Sommer 1935 ist "Agent 39" angeblich wieder aktiv. Diesmal spioniert er für Frankreich.

Stand: 04.04.2012

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