3. Oktober 1961 - In der DDR beginnt die "Aktion Kornblume"

Mauerbau an der Bernauerstraße in Berlin

Stichtag

3. Oktober 1961 - In der DDR beginnt die "Aktion Kornblume"

3. Oktober 1961: Es ist sechs Uhr morgens, als Annegret Büttner aus dem Bett hochschreckt. "Da war unheimlicher Lärm vor der Haustür, es kamen Lkw", erinnert sie sich später. "Und plötzlich klopften sie an unsere Tür." Annegret Büttner wohnt mit ihrem Mann im thüringischen Eichsfeld, ganz in der Nähe der innerdeutschen Grenze. "Zur eigenen Sicherheit haben Sie einen Wohnungswechsel vorzunehmen", liest ihnen ein Volkspolizist von einem vorbereiteten Blatt vor. "Verantwortungsbewusstes Handeln und Verständnis für diese Maßnahme ist der beste Ausdruck für eine patriotische Gesinnung!" Vier Stunden hätten sie nun Zeit, um ihre Sachen zu packen.

Ohne Vorwarnung werden an diesem Tag insgesamt 3.175 DDR-Bürger aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen und müssen weit entfernt ein neues Leben aufbauen. Die Büttners kommen nach Bad Berka bei Weimar - 100 Kilometer hinein ins Landesinnere.

Ideologisch unzuverlässig

Die Vorgeschichte: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!", versichert der DDR-Staatsratsvorsitzende Walter Ulbricht noch im Juni 1961. Kaum zwei Monate später, am 13. August, lässt er die Grenze zu West-Berlin abriegeln und einen Stacheldraht-Streifen mitten durch die Stadt ziehen. Gleichzeitig ist der Mauerbau Startschuss für eine minutiös geplante Zwangsumsiedlung: die "Aktion Kornblume", die in den Akten auch "Aktion Blümchen", "Aktion Tulpe", "Aktion Backbord" oder "Aktion frische Luft" genannt wird. "Die erste Direktive von Ulbricht ist vom 15. August 1961, die sagt, nachdem wir erfolgreich die Sektorengrenze zu West-Berlin geschlossen haben, müssen wir uns jetzt um die Staatsgrenze West kümmern", sagt Historiker Rainer Potratz.

Mehr als 300.000 Menschen wohnen damals in der fünf Kilometer breiten Sperrzone an der innerdeutschen Grenze. Sie gänzlich entvölkern kann und will die DDR-Führung nicht. Das wäre zu aufwendig und gäbe dem "Klassenfeind" im Westen Anlass zur Kritik. Deshalb wird auf Einschüchterung gesetzt: "Die Zwangsaussiedlungen hatten das Ziel, einzelne Personen und Familien herauszureißen, die man als politische Gegner betrachtete", so Potratz. Zugleich sei damit der restlichen Bevölkerung signalisiert worden, sich an die Regeln zu halten. Annegret Büttners Familie ist den DDR-Behörden wohl zu katholisch und daher ideologisch unzuverlässig.

"Das Gefühl von Umzug geben"

Am 29. September 1961 findet die letzte Besprechung im Ministerium für Staatssicherheit statt. "Probleme sind menschlich, nicht radikalistisch zu lösen", schärft Stasi-Chef Mielke den Bezirksverantwortlichen ein. "Den Betroffenen ist das Gefühl des Umzugs zu geben." Die Räumkommandos schweigen allerdings über den neuen Wohnort. Möglichst wenige Zwangsausgesiedelte sollen wissen, wo andere landen. Den neuen Nachbarn wird gesagt, die Neuankömmlinge seien Kriminelle aus dem Grenzgebiet: Schlepper, Schleuser, Grenzverletzer. Man solle sich in Acht nehmen.

1971 verkleinert die DDR die Fünf-Kilometer-Sperrzone an der Westgrenze und lässt stattdessen Selbstschussanlagen montieren. Nach dem Mauerfall 1989 beginnt für die Zwangsausgesiedelten der oft erfolglose Kampf um ihr Eigentum. Annegret Büttners Elternhaus etwa ist zu DDR-Zeiten abgerissen worden. Opferverbände verlangen, den Zwangsausgesiedelten eine sogenannte Ehrenrente zu zahlen, wie sie anderen politisch Verfolgten der DDR längst zusteht. Das sind maximal 250 Euro im Monat. Doch bislang haben sie damit kein Gehör gefunden.

Stand: 03.10.2011

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