9. Oktober 1939 - Das "Euthanasie"-Programm der Nazis läuft an

"Ein erschreckendes Bild von Erbkranken in einer Idioten-Anstalt": Standoto aus dem Propaganda-Film "Erbrank" von 1935

Stichtag

9. Oktober 1939 - Das "Euthanasie"-Programm der Nazis läuft an

Am 9. Oktober 1939 schreibt Adolf Hitler auf privatem Briefpapier eine Ermächtigung an seinen Leibarzt Karl Brandt und NSDAP-Reichsleiter Philipp Bouhler. Die beiden werden darin beauftragt, "die Befugnisse von Ärzten so zu erweitern, dass unheilbar Kranken - bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes - der Gnadentod gewährt werden kann." Die Ermächtigung datiert Hitler auf den 1. September 1939 zurück - und stellt damit eine zeitliche Verbindung zum Kriegsbeginn her. Der Gedanke, dass ein Kriegsverletzter ohne Bett sei, weil dieses Bett ein Geisteskranker belege, ist für Hitler nach eigener Aussage unerträglich - schreibt Manfred Vasold 2007 in der "Enzyklopädie des Nationalsozialismus".

In der Berliner Tiergartenstraße 4 wird eine Zentrale für die - nach dieser Adresse benannten - "Aktion T4" eingerichtet. Das "Euthanasie"-Programm beginnt. Es legt die Grundlage für die systematische Ermordung Behinderter und psychisch Kranker im NS-Staat. Anfang Oktober 1939 verschickt das Reichsministerium des Innern die ersten Meldebögen zur "planwirtschaftlichen Erfassung der Heil- und Pflegeanstalten". Zu melden sind unter anderem Patienten, die an Schizophrenie, Epilepsie oder Senilität leiden.

"Jedes missgestaltete Neugeborene"

Bereits 1935 deutet Hitler auf dem Reichsparteitag in Nürnberg gegenüber Reichsärzteführer Gerhard Wagner an, dass er beabsichtige, die "unheilbar Geisteskranken zu beseitigen". Ab 1938 werden Besucher, auch Schüler, durch psychiatrische Anstalten geführt und auf die Kosten der Unterbringung hingewiesen. Auch mit Plakaten und Filmen wird Propaganda betrieben. Zwei Wochen vor dem deutschen Überfall auf Polen ergeht am 18. August 1939 ein Runderlass "jedes missgestaltete Neugeborene" zu melden - rückwirkend für Kinder bis zu drei Jahren.

Zu Beginn der "Aktion T4" werden die Morde in einigen ausgesuchten "Euthanasie"-Anstalten wie Hadamar (in der Nähe von Limburg an der Lahn) und Grafeneck (zwischen Tübingen und Ulm) durchgeführt. Zunächst werden die Opfer vergiftet und mit Injektionen getötet. Anfang 1940 folgt die massenhafte Ermordung in Gaskammern. Dafür zuständig sind Tarnorganisationen mit Namen wie "Reichsarbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten" oder "Gemeinnützige Krankentransport GmbH".

Vorläufiger Stopp nach Protesten

Schon bald kommt es zu Protesten, vor allem der Kirchen. Der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, und der Leiter der Betheler Anstalten, Fritz von Bodelschwingh, gehören zu den Wortführern. Ende August 1941 wird die "Euthanasie" von Hitler offiziell gestoppt. Im Geheimen läuft sie aber weiter. Ein Teil des Personals wird in den Osten verlegt und baut dort die Vernichtungslager mit auf. Nach dem angeblichen Ende der "Aktion T4" beginnt im Herbst 1941 in den Konzentrationslagern die "Aktion 14f13". Die Bezeichnung stammt von einem Aktenzeichen: 14 stand für Todesfälle im KZ und 13 für die Todesart Vergasung. Die Grenze zur "Endlösung", deren Vorstufe die "Euthanasie" ist, verschwimmt.

Allein der "Aktion T4" fallen mehr als 70.000 Menschen zum Opfer. Nach dem Zweiten Weltkrieg geht die Anklage im Ärzteprozess in Nürnberg von insgesamt 275.000 Getöteten aus.

Stand: 09.10.2009