03. Dezember 2005 - Vor 40 Jahren: DDR-Wirtschaftsplaner Erich Apel tötet sich

Stichtag

03. Dezember 2005 - Vor 40 Jahren: DDR-Wirtschaftsplaner Erich Apel tötet sich

Die Sekretärin findet ihn am Schreibtisch seines Büros mit durchschossenen Schläfen. Das Projektil liegt auf dem Fußboden. Es stammt aus seiner Dienstpistole. Erich Apel, Vorsitzender der staatlichen Plankommission in der Sowjetzone und stellvertretender Ministerpräsident der DDR, ist tot. Im Ärztlichen Bulletin heißt es, er sei am 3. Dezember 1965 um 10.00 Uhr gestorben: "Er litt seit längerem an Kreislaufstörungen. In allerletzter Zeit zeigten sich außerdem Zeichen nervlicher Überlastung, die trotz aller ärztlichen Bemühungen zu einem plötzlichen Nervenzusammenbruch führten. In einer dadurch hervorgerufenen Kurzschlussreaktion schied Dr. Apel aus dem Leben." Worte wie Selbstmord oder Suizid werden nicht erwähnt. Offiziell heißt es, der 48-Jährige sei durch einen "tragischen Unglücksfall" aus dem Leben gerissen worden. Ein Staatsbegräbnis wird ausgerichtet. Unter Führung des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht übernehmen Mitglieder des Zentralkomitees der  SED die Ehrenwache.

Erich Apel wird am 3. Oktober 1917 im thüringischen Judenbach als Sohn eines Arbeiters geboren. Er lernt Werkzeugmacher und studiert Maschinenbau. In der Nazizeit wird Apel dienstverpflichtet. Als Mitarbeiter von Wernher von Braun, dem deutschen Raketenspezialisten, beteiligt er sich an der Forschung für die V2, der von Hitler ersehnten "Wunderwaffe". Nach Kriegsende lehnt Apel das Angebot von Wernher von Braun ab, mit ihm in den  USA die neue Waffe weiterzuentwickeln. Stattdessen wird er erneut zwangsverpflichtet: Sein neuer Arbeitsort für die nächsten sechs Jahre ist die Sowjetunion. Von dort kehrt er im Sommer 1952 nach Ostdeutschland zurück, tritt der  SED bei und macht Karriere als Minister für Schwermaschinenbau. 1958 übernimmt Apel die Leitung der Staatlichen Plankommission. Er entwickelt das "Neue Ökonomische System" ( NÖS), eine Art sozialistische Marktwirtschaft. Von leistungsbezogenen Vergütungen und Eigenverantwortung ist die Rede. Doch diese Reform ist nicht erwünscht - weder in der  DDR noch in der Sowjetunion.

Die Verhandlungen über den anstehenden Wirtschaftsvertrag der beiden Länder verlaufen desaströs. Apel will höhere Liefermengen für Erdöl und Walzstahl erreichen. Die Sowjets lehnen ab. Im September 1965 werden die Gespräche unterbrochen. Apel verliert den Rückhalt in der  DDR-Führung: Sein neuer Fünfjahresplan wird vom Politbüro abgeschmettert; sein Freund Günter Mittag, der das  NÖS mitentwickelt hat, wechselt auf die Seite der Kritiker. Ende November 1965 werden die Verhandlungen mit der Sowjetunion fortgesetzt. Am Vormittag des dritten Dezember fordert die sowjetische Delegation Apel ultimativ auf, bis 11.00 Uhr einen Handelsvertrag für die Jahre 1966 bis 1970 zu unterzeichnen. "Daraufhin erschoss sich Dr. Apel in seinem Arbeitszimmer", heißt es damals in einer Erklärung der Bundesregierung zu den Vorfällen im Nachbarland. Über den Tod Apels kursiert später eine zweite Variante: Apel habe sich abends zu Hause umgebracht. Auch Gerüchte um ein angebliches Mordkomplott machen die Runde.

Stand: 03.12.05