6. Mai 1915 - Orson Welles wird geboren

Orson Welles im Hörfunkstudio

Stichtag

6. Mai 1915 - Orson Welles wird geboren

Am Halloween-Abend 1938 wird die USA von einer Invasion der Marsmenschen erschüttert. Im Radio können die Amerikaner scheinbar live miterleben, wie ihr Land den deutlich überlegenen Außerirdischen zum Opfer fällt. In Wirklichkeit aber handelt es sich bei der fiktiven Reportage um das Hörspiel "Der Krieg der Welten" von Orson Welles.

"Als wir das Marshörspiel gemacht haben, hatten wir die Nase voll davon, das alles, was aus dieser neuen magischen Box kam, geschluckt wird", wird Welles später behaupten. "Und so war unser Hörspiel eine Art Anschlag auf die Glaubwürdigkeit der Maschine". Angeblich löst das Werk bei seiner Ausstrahlung an der Ostküste der USA eine Massenpanik aus. Aber auch das ist wohl nur eine weitere Geschichte, mit der Orson Welles an seinem eigenen Mythos strickt.

Shakespeares "Macbeth" als Voodoozauber

Geboren wird Welles am 19. Mai 1915 in Kenosha im US-Bundesstaat Wisconsin. Seine Mutter ist Pianistin; sie macht den Jungen, der als Wunderkind gilt, mit der Musik und dem Theater William Shakespeares bekannt. Bereits in den frühen 30er Jahren inszeniert Welles in New York Shakespeare-Stücke. Seine Inszenierung von "Julius Cäsar" mit ihren aktuellen Bezügen gilt als Meilenstein moderner Aufführungspraxis. Bekannt wird auch sein "Voodoo Macbeth", für den Welles die Handlung 1936 von Schottland auf eine karibische Insel verlegt und die Rollen mit Afroamerikanern besetzt.

In New York inszeniert Welles nicht nur. Er spielt auch selbst in seinen Stücken mit, produziert und entwirft die Bühnenbilder. Nebenbei arbeitet er für das relativ junge Medium des Rundfunks, für das er Serien und über 300 Hörspiele schreibt: oft Literaturadaptionen, die die Möglichkeiten der "magischen Box" auszuloten suchen und von denen "Der Krieg der Welten" die berühmteste ist.

Im Wiener Untergrund

Der Erfolg von "Krieg der Welten" öffnet Welles die Tore von Hollywood. Hier erhält er eine "Carte blanche", also das Recht, einen Film ganz nach seinen Vorstellungen zu drehen. Mit 27 Jahren ist er auf dem Gipfel seines Ruhms. Ursprünglich hat er vor, die Erzählung "Das Herz der Finsternis" von Joseph Conrad zu verfilmen. Als sich der Plan als undurchführbar entpuppt, konzentriert er sich auf einen Plot, der die Biografie eines Medienmoguls nach dessen Tod rekonstruiert. Mit seiner multiperspektivischen Erzählweise, seinen spektakulären Kamerafahrten und seinem raffinierten Soundtrack gilt das Ergebnis "Citizen Kane" (1941) vielen Kritikern bis heute als bester Film aller Zeiten.

Kommerziell ist "Citizen Kane" kein großer Erfolg - wohl auch, weil Medienzar William Randolph Hearst, der der Hauptfigur als Vorbild diente, in seinen Blättern gegen den Film agiert. Fortan muss Welles sich als Schauspieler in Filmen von Kollegen verdingen, um Geld für seine eigenen Projekte anzusparen. Legendär ist seine Rolle als Harry Lime in Carol Reeds "Der dritte Mann" (1949) mit der spektakulären Jagd durch den Untergrund von Wien. Welles‘ eigene Regiearbeit scheitert oft nicht nur an seinem Perfektionswahn, sondern auch an unglücklichen Umstände. Von seiner fertigen Shakespeare-Verfilmung "Der Kaufmann von Venedig" (1969) verschwinden die Filmrollen, der Film "The Deep" kann Ende der 60er Jahre gar nicht erst fertiggestellt werden: Erst geht Welles das Geld aus, dann stirbt der Hauptdarsteller.

Tod über der Schreibmaschine

Trotzdem gelingen dem Regisseur noch einige Meisterwerke mit spektakulären Einstellungen: Die Eingangssequenz von "Im Zeichen des Bösen" (1958), in der die Kamera durch das Vergnügungsviertel einer Kleinstadt an der amerikanisch-mexikanischen Grenze fährt, dauert über drei Minuten - ohne einen einzigen Schnitt. Dann explodiert ein Auto.

Finanziell hält Welles sich mit Revuen, Werbung, Vorträgen und Auftritten in Fernsehshows, unter anderem als Zauberer, über Wasser. Er stirbt 1985, über seine Schreibmaschine gebeugt, in Los Angeles an einem Herzinfarkt. Auf einer Top Ten der besten Regisseure aller Zeiten, die von Filmemachern selbst zusammengestellt worden ist, rangiert er nach wie vor auf dem ersten Platz.

Stand: 06.05.2015

Programmtipps:

Auf WDR 2 können Sie den Stichtag immer gegen 9.40 Uhr hören. Wiederholung: von Montag bis Samstag um 18.40 Uhr. Der Stichtag ist nach der Ausstrahlung als Podcast abrufbar.

"ZeitZeichen" auf WDR 5 (9.05 Uhr) und WDR 3 (17.45 Uhr) erinnert am 19. Mai 2015 ebenfalls an Orson Welles. Auch das "ZeitZeichen" gibt es als Podcast.