20. Februar 1985 - Erste Beratungsstelle für Hochbegabte

17-jährige Schüler mit Professor bei BWL-Studium

Stichtag

20. Februar 1985 - Erste Beratungsstelle für Hochbegabte

Inklusion steht derzeit ganz oben im Stundenplan der Bildungsexperten. Gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne Behinderung soll endlich in die Praxis umgesetzt werden, so wie es die UN-Behindertenrechtskonvention fordert.

Vor 30 Jahren sorgt ein anderes Problem ebenfalls für heftige Diskussionen: was tun mit all jenen Kindern, die der Unterricht nur langweilt, weil sie völlig unterfordert sind? Die in der Klasse geschnitten oder gemobbt werden. Die ins Abseits geraten, weil sie so nerven mit ihrer Alleswisserei und Andersartigkeit.

Gestörtes Elite-Bild

Hochbegabte Kinder lernen wie im Vorbeigehen und brauchen von Beginn an besonderen Input, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Barbara Felger. So wie jener dreieinhalbjährige Junge, der sie einmal tief beeindruckte. Der Knirps hatte durch das Entziffern von Reklameschildern ganz allein lesen gelernt. Um solche Kinder zu fördern, öffnet am 25. Februar 1985 in Hamburg Deutschlands erste Beratungsstelle für Hochbegabte. Leiterin Barbara Felger und ihr kleines Team haben die Räume noch nicht richtig bezogen, da werden sie schon von Anfragen verzweifelter Eltern aus ganz Deutschland überschwemmt.

Der hochbegabte Nachwuchs verlangt seiner Umgebung einiges ab. "Viele Eltern kamen zu uns und klagten: 'Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen. Das Kind ist zu anstrengend'", erinnert sich der Entwicklungspsychologe Wilhelm Wieczerkowski, Initiator der Hamburger Beratungsstelle. In der Öffentlichkeit aber stoßen engagierte Begabtenförderer wie Wieczerkowski auf teils heftige Proteste. Man wirft ihnen Elitebildung vor, die seit den Napolas und SS-Junkerschulen der Nationalsozialisten als höchst fragwürdig gilt. Beeinflusst durch den gesellschaftlichen Wandel der 60er und 70er Jahre, steht die Förderung sozial benachteiligter Schüler im Fokus der Bildungspolitik.

Die Große Inklusion

Dabei, so erklärt der Münsteraner Begabungsforscher Christian Fischer, brauchen auch Kinder mit großen intellektuellen Fähigkeiten eine spezielle Förderung, wie sie Talenten im musischen oder sportlichen Bereich schon lange geboten wird. Fischer warnt, die Bedürfnisse chronisch unterforderter Kinder zu vernachlässigen. "Sie sind oft demotiviert und kreuzunglücklich, weil sie ihr Potenzial nicht entwickeln, der Gesellschaft nicht nützen können. Unter Umständen schaden sie ihr sogar.“ Wie die ersten Hochbegabtenberater in Hamburg merkt man auch in weiteren bundesweit eröffneten Einrichtungen schnell: Der Hilfebedarf ist weit größer als angenommen.

Entwicklungspsychologen halten in jedem Jahrgang bis zu 15 Prozent Hochbegabte für möglich. Seit 1985 ist deshalb ein flächendeckendes Netz an Beratungsstellen für sie entstanden. In Nordrhein-Westfalen steht das Recht auf individuelle Förderung im Schulgesetz. Das Ziel: Eine "Große Inklusion" von körperlich oder geistig behinderten Kindern und Hochbegabten – mit speziellen Lernangeboten in kleinen Kreisen. Angesichts aktueller Probleme bei der Inklusion eine enorme Forderung an das Schulsystem, das weiß auch Begabungsforscher Christian Fischer. Andere Länder allerdings, so der Leiter der Beratungsstelle in Münster, seien viel weiter: "Inklusive Bildung im Einklang mit Begabtenförderung, das haben Kanada und die skandinavischen Länder längst realisiert."

Stand: 20.02.2015

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