7. Oktober 1849 – Edgar Allan Poe stirbt in Baltimore

Edgar Allan Poe (1809-1849)

Stichtag

7. Oktober 1849 – Edgar Allan Poe stirbt in Baltimore

Nichts fürchtet Edgar Allan Poe so sehr wie lebendig begraben zu werden. Die Angst vor dem Scheintod macht seine "Einbildungskraft zu einer wahren Grabesphantasie". Aber sie spornt den amerikanischen Schriftsteller auch zu immer neuen Schauer-Texten an.

Das Motiv des lähmenden Entsetzens im Angesicht des Begräbnisses vor dem Tode durchzieht nahezu Poes gesamtes phantastisches Werk.  In "Das Gebinde Amontillado" (1846) etwa wird das Einmauern eines Unglückseligen in die Gruft eines Weinkellers zur subtilen Rache des Erzählers. Und in "Die schwarze Katze" wird das gespenstische Tier dem Erzähler, der es zufällig zusammen mit der Leiche seiner erschlagenen Frau hinter einer Wand vermauert hatte, zum Verhängnis. 

"Nicht dauerhaft erfolgreich"

Geboren wird Poe 1809 in Boston. Als er ein Jahr alt ist, macht sich der Vater aus dem Staub, kurz darauf stirbt die Mutter an Tuberkulose. Das Kind wird von der begüterten  Familie des Kaufmanns John Allan aufgenommen. 1827 ist dieser nicht mehr bereit, Poes Schneider- und Champagnerrechnungen zu bezahlen. Nach einer Jugend in Saus und Braus steht Poe mit 18 Jahren plötzlich völlig mittellos da. Depressionen und Alkoholexzesse werden von nun an seine ständigen Begleiter. 

1831 zieht Poe nach Baltimore und beginnt, Erzählungen für Zeitungen zu schreiben. Vier Jahre später heiratet er seine erst 13 Jahre alte Cousine Virginia. Diverse Jobs bei Zeitschriften verliert er wegen seiner Trunksucht wieder. Seine Erzählungen kommen bei Verlegern nicht gut an. "Diese Horrorgeschichten verursachen eine unangenehme, melancholische Stimmung, und es lässt sich nicht erkennen, wie man daraus etwas für das Leben lernen soll", urteilt einer. "Ich bezweifle auch, dass Geschichten mit unwahrscheinlichen und grauenerregenden Handlungen in diesem Land jemals auf Dauer erfolgreich sein werden."  

Mathematisch genaue Phantastik

Mit dem lautmalerischen Gedicht "The Raven" über einen Todesvogel gelingt Poe 1845 endlich der Durchbruch. Auch seine Erzählungen beginnen, sich allmählich als originell durchzusetzen. Kühn und neu wirkt nicht nur Poes Schilderung der Psychologie des Schreckens, sondern auch die Darstellung des Phantastischen selbst: Poe seziert das Grauen mit dem Skalpell, um die Anatomie des Entsetzens freizulegen. In "Die Grube und das Pendel" ist das Mittel dieser nahezu mathematischen Phantastik die minutiöse, durch Gedanken weiter zerdehnte Darstellung des langsam die Brust durchschneidenden Folterinstruments. Durch diese Art der Darstellung erwirbt sich der Dichter bei seinen Nachfolgern wie Charles Baudelaire den Ruf, dern "Fürst des Grauens" zu sein. 

Aber Poe ist nicht nur das. Er ist auch der Begründer der modernen Detektivgeschichte. In "Die Morde in der Rue Morgue" (1841) nutzt er bereits das später im Krimi beliebte Problem des Verbrechens im geschlossenen Raum und entdeckt die Großstadt als babylonisches Labyrinth: Sein Hobbydetektiv Auguste Dupin kann den Doppelmord in einem Pariser Mietshaus nur deshalb klären, weil niemand der internationalen Bewohnerschaft die "Äußerungen" des Täters (eines Orang-Utans) richtig zuordnet. Für Arthur Conan Doyle ist Poe deshalb "unser aller Meister". 

Am 7. Oktober 1849 stellen die Ärzte in einem Krankenhaus in Baltimore Poes Tod fest, nachdem er zuvor verwirrt auf der Straße aufgefunden worden war. Woran genau er stirbt, bleibt ein Rätsel. Ob er im Grab erwacht, ist nicht überliefert. Allerdings bleibt seine Ruhestätte jahrelang namenlos: Ein entgleister Zug  zerschmettert seinen Grabstein.

Stand: 07.10.2014

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