25. Juli 1934 - Nationalsozialistischer Putschversuch in Österreich

Österreichische Soldaten belagern das von nationalsozialistischen Putschisten besetzte Gebäude der Wiener Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft (RAVAG) am 25.07.1934

Stichtag

25. Juli 1934 - Nationalsozialistischer Putschversuch in Österreich

Wien, 25. Juli 1934: An diesem Mittwochmorgen versammeln sich 154 Nationalsozialisten in einer Turnhalle. Die illegale "SS-Standarte 89" will durch einen Putsch den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erzwingen. Die Männer bewaffnen sich und ziehen zur Tarnung Uniformen des österreichischen Bundesheeres über. Ein Kommando fährt zum Radiosender RAVAG und verbreiten eine kurze Nachricht. Es ist das Signal für alle Putschisten, auch in der Provinz loszuschlagen. Dann wird das Programm eingestellt. Die meisten Nazis fahren jedoch mit vier Lastwagen und einem Pkw zum Bundeskanzleramt, um die Regierung während einer Sitzung in Geiselhaft zu nehmen - allen voran Bundeskanzler Engelbert Dollfuß.

Dollfuß versteht sich als Deutscher, will aber sein Land nicht an Hitler ausliefern: "Damit dieses Österreich unsere und unserer Kinder Heimat bleibe." Er orientiert sich stattdessen an Benito Mussolini. Der italienische "Duce" will zu diesem Zeitpunkt Österreich als "Pufferstaat" bewahren und hat kein Interesse an einem starken Deutschland. Dollfuß, der Mitglied der Christlichsozialen Partei (CP) ist, wollte ursprünglich Priester werden. Als ihm die Liebe zu einer Frau dazwischen kam, ging er in die Politik. "So sah er es plötzlich als seine neue Mission, einen Gottesstaat zu gründen", sagt Dollfuß-Biografin Gudula Walterskirchen. Die Katholische Kirche unterstützt das Vorhaben.

Austrofaschistischer Ständestaat

Dollfuß, der kurz nach der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 ins Amt kommt, entmachtet das Parlament und regiert mit Notverordnungen. Seine Kritiker sprechen vom Austrofaschismus, er selbst nennt es Ständestaat: "Wir wollen den sozialen, christlichen, deutschen Staat Österreich, auf ständischer Grundlage, unter starker autoritärer Führung." Alle Parteien sollen sich dem Abwehrkampf gegen Hitler unterordnen. Zunächst wird die Kommunistische Partei verboten, dann die NSDAP - auch wegen ihrer Bombenanschläge in Österreich. Als Mussolini im Februar 1934 ein Verbot der österreichischen Sozialdemokraten verlangt, lässt Dollfuß deren Kampforganisation entwaffnen. Dagegen leisten die Arbeiter Widerstand, über 200 Menschen sterben. Die Anführer des Aufstandes werden hingerichtet. Dollfuß gilt nun in linken Kreisen als Arbeitermörder.

Derweil beteuert Hitler: "Die Behauptung, dass das Deutsche Reich beabsichtige, den österreichischen Staat zu vergewaltigen, ist absurd und kann durch nichts belegt oder erwiesen werden." Doch schon seit 1933 tobt ein Wirtschaftskrieg. Der "Führer" hat für Österreich eine Reisesperre angeordnet. Österreichs Tourismusbranche fehlen die deutschen Urlauber. "Diese Maßnahme wird voraussichtlich zum Zusammenbruch der Regierung Dollfuß und zu Neuwahlen führen", kündigt Hitler seinem Kabinett an. Doch Dollfuß gibt nicht nach. Er verhängt einen Visumzwang für Reichsdeutsche. Das lässt sich Hitler nicht bieten. Er trifft sich am 22. Juli 1934 in Bayreuth heimlich mit führenden österreichischen Nazis und einem General der Reichswehr. Bei dieser Besprechung ordnet Hitler den Juli-Putsch an - wie der Wiener Historiker Kurt Bauer anhand von Einträgen in Joseph Goebbels Tagebüchern belegt.

Anschluss erfolgt vier Jahre später

Drei Tage später stürmen Mitglieder der Wiener "SS-Standarte 89" um 13 Uhr das österreichische Bundeskanzleramt. Dollfuß ist allerdings telefonisch vorgewarnt worden und hat seine Minister rechtzeitig weggeschickt. Als er selbst fliehen will, ringt ihn der Nationalsozialist Otto Planetta nieder. Zwei Schüsse fallen. Dollfuß wird tödlich ins Rückenmark getroffen. Doch der schlecht vorbereitete Putsch wird von Bundesheer und Polizei niedergeschlagen. Als Mussolini am Brenner italienische Truppen aufmarschieren lässt, entzieht Hitler den Putschisten seine Unterstützung. Planetta und zwölf weitere Nazis werden hingerichtet. In der österreichischen Provinz sterben bei Kämpfen nach dem Juli-Putsch 223 Menschen.

Nachfolger von Dollfuß wird Justizminister Kurt von Schuschnigg. Im Radio verkündet er, "dass der Bundeskanzler, unser Führer, feiger Mörderhand zum Opfer fiel." Schuschnigg behält die politische Linie von Dollfuß bei: "Wir bestehen unerschütterlich, furchtlos und treu auf dem Dogma der Unabhängigkeit Österreichs." Vier Jahre später jedoch hat Hitler Mussolini auf seiner Seite und fordert nun demonstrativ den Rücktritt des Bundeskanzlers. Schuschnigg kündigt eine Volksabstimmung an über einen möglichen Anschluss. Diese findet aber nicht mehr statt, denn am 12. März 1938 marschiert die Wehrmacht in Österreich ein. In Wien wird Hitler von 200.000 Österreichern umjubelt. Schuschnigg kapituliert und wird verhaftet: "Der Bundespräsident beauftragt mich, dem österreichischen Volk mitzuteilen, dass wir der Gewalt weichen."

Stand: 25.07.2014

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