Hassan II., König von Marokko

Stichtag

23. Juli 1999 - Marokkos König Hassan II. stirbt in Rabat

International ist er ein geachteter Staatsmann, doch im eigenen Land herrscht er mit harter Hand: König Hassan II. regiert Marokko 38 Jahre lang als Despot. "Ich habe mir das nicht ausgesucht, König zu sein", sagt er über seine Rolle. "Mir war immer klar: Mein Vater hatte das vorbestimmt. Die ganze Ausbildung, die er mir gab, zielte nur darauf ab. Und ich kann sagen: Ich habe bei einem Meister gelernt." Hassans Vater ist Mohammed V., der aus der Dynastie der Alawiden stammt und 1927 Sultan von Marokko wird. Das Land ist damals ein französisches Protektorat.

Hassan wird am 9. Juli 1929 in Rabat geboren. Der Thronfolger wird zunächst von Privatlehrern unterrichtet - in französischer Sprache und Literatur sowie in islamischer Geschichte und Religion. Später kommt er auf eine private weiterführende Schule. Er studiert Jura und erhält in Rabat an einer Außenstelle der Universität Bordeaux 1951 seinen Doktortitel. Als Marokko fünf Jahre später unabhängig wird, kommt Mohammed V. an die Macht und nimmt den Königstitel an. Hassan wird sein Stellvertreter. Als der Vater 1961 stirbt, wird der Sohn im Alter von 31 Jahren als König Hassan II. von Marokko inthronisiert. Im Jahr darauf wird das Land formell eine konstitutionelle Monarchie. Doch in der neuen Verfassung lässt sich Hassan II. mit weitreichenden Befugnissen ausstatten. "Seit 1962 hat der König als 'Befehlshaber der Gläubigen' eine religiöse Legitimität, die ihn gleichzeitig über die Verfassungsorgane stellt", sagt Professor Bettina Dennerlein aus Zürich, Expertin für die moderne Geschichte Marokkos.

Feudales Willkürsystem

Bereits als junger König agiert Hassan II. geschickt. Vor westlichen Politikern und Journalisten trägt er Anzug und Krawatte und spricht perfekt Französisch. Bei Auftritten vor der Bevölkerung redet er Arabisch und trägt das traditionell weiße Gewand mit weißer Kapuze oder dem Fes, einem roten Filzhut. 1971 und 1972 übersteht er kurz hintereinander zwei Putschversuche - zwei Erlebnisse, die ihn prägen. Der König lässt jede Opposition kompromisslos verfolgen. Seien es linke Politiker, Kritiker der Monarchie, Islamisten oder Lehrer und Studierende, die soziale Proteste organisieren. Demonstrationen werden gewaltsam bekämpft. Tausende Menschen kommen in Haft, viele verschwinden spurlos. In Marokko herrscht ein feudales Willkürsystem. Der König kontrolliert die Wirtschaft und häuft ein Milliarden-Vermögen an. "Die 70er und 80er Jahre werden als bleierne Jahre in Marokko bezeichnet aufgrund der massiven Menschenrechtsverletzungen", sagt Islamwissenschaftlerin Dennerlein.

Um sein innenpolitisches Image zu verbessern, nutzt Hassan II. den Konflikt um die Westsahara, die südlich an Marokko anschließt. Der Internationale Gerichtshof stellt 1975 fest, dass die Bewohner der alten spanischen Kolonie Sahara, die Sahraouis, selbst über ihre Zukunft entscheiden sollen. Der König erklärt daraufhin nach islamischem Recht den Anspruch Marokkos auf das Gebiet und schafft Tatsachen - mit Zustimmung der Opposition. Beim sogenannten Grünen Marsch besetzen rund 350.000 marokkanische Zivilisten die Westsahara. "Auch geostrategische Überlegungen mit Blick auf Algerien" und die Phosphatvorkommen in der Region hätten dabei eine Rolle gespielt, so Expertin Dennerlein. Die international nicht anerkannte Annexion der Westsahara besteht bis heute weiter.

Vorsichtige Politik der Öffnung

Anfang der 1990er Jahre stärkt Hassan II. sein Ansehen bei den westlichen Regierungen: Zum einen steht er im zweiten Golfkrieg an der Seite der USA und schickt Soldaten in den Kampf gegen den Irak, zum anderen vermittelt er im Nahostkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern. Im eigenen Land sind die kritischen Stimmen inzwischen allerdings so laut, dass der König sich für eine vorsichtige Politik der Öffnung entscheidet. Er reformiert das Familienrecht und gibt den Frauen mehr Rechte. Der öffentliche Druck führt auch dazu, dass eine Aufarbeitung der bleiernen Jahre beginnt. Nach Einschätzung von Bettina Dennerlein handelt es sich nicht nur um "ein geschicktes Agieren eines autoritären Herrschers, der Pseudo-Spielräume eröffnet", sondern tatsächlich um "die Ausweitung der politischen Partizipation".

Am 23. Juli 1999 stirbt König Hassan II. im Alter von 70 Jahren. An der Trauerfeier in Rabat nehmen unter anderem US-Präsident Bill Clinton, der israelische Ministerpräsident Ehud Barak, Palästinenserführer Yassir Arafat und Bundespräsident Johannes Rau teil. Hassans Sohn wird sein Nachfolger: König Mohammed VI. setzt 2004 eine Wahrheitskommission ein zur Untersuchung der Verbrechen in der Amtszeit seines Vaters - ein bislang in der arabischen Welt einmaliges Vorgehen.

Stand: 23.07.2014

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