Urteil zur Bhopal-Katastrophe

Stichtag

14. Februar 1989 - Urteil zur Bhopal-Katastrophe in Indien

Menschen ringen um Luft und ersticken langsam. Auf den Straßen von Bhopal, Hauptstadt des Bundesstaats Madhya Pradesh in Zentralindien, liegen Hunderte von Toten. Das Sterben beginnt in der Nacht auf den 3. Dezember 1984. "Von draußen drang ein scharfer Geruch herein, wie Chili. Erst als wir auf die Straße gingen und sahen, wie sich die Menschen auf dem Erdboden wälzten, bemerkten wir, dass es Gas war. Kurz darauf verloren wir jede Orientierung", erinnert sich eine Anwohnerin. 25 bis 40 Tonnen Methylisocyanat war aus einem Tank der nahen Chemiefabrik ausgetreten, hochgiftig und hochätzend. Die Katastrophe von Bhopal gilt als der schlimmste Chemieunfall der Geschichte - und als Wirtschaftsverbrechen. Mindestens 3.000 Menschen sterben an den direkten Folgen der Giftwolke, an Verätzungen der Schleimhäute, Augen und Lungen. Die Verursacher kommen billig davon.

Kein Alarm aus der Chemiefabrik

Auf dem Gelände der Chemiefabrik mitten in der Stadt hatte niemand Alarm geschlagen. In der Niederlassung des US-Konzerns Union Carbide werden Pestizide hergestellt. Zum Zeitpunkt des Unglücks wird nichts produziert, es finden nur Wartungsarbeiten statt. "An diesem Abend bekamen meine Kollegen den Auftrag, die Pipelines an einem Tank zu reinigen. Aber die Pipeline ließ sich nicht säubern und der Vorarbeiter stoppte die Aktion. Da bekam er vom Schichtleiter die Order, die Pipeline solange zu reinigen, bis das Wasser wieder klar war", sagt ein ehemaliger Werksmitarbeiter.

Die Arbeiter bemerken nicht, wie wahrscheinlich Wasser in den Tank für Methylisocyanat gerät, und sich dort eine hochexplosive Mischung zusammenbraut. Es kommt zu einer exothermen Reaktion, bei der so viel Kohlenstoffdioxid freigesetzt wird, dass sich der Tankinnendruck stark erhöht. Das Methylisocyanat verflüchtigt sich über die Überdruckventile in die Luft und verbreitetet sich auf einem Gebiet von rund 40 Quadratkilometern. Innerhalb von zwei Stunden ist der Tank leer.

3.000 Tote oder 23.000?

Der amerikanische Mutterkonzern hatte dem indischen Werk zuvor ein Sparprogramm auferlegt. Später stellt die indische Staatsanwaltschaft fest: Fachkräfte seien abgezogen worden, Sicherheitsprüfungen hätten nicht stattgefunden, das Material sei veraltet gewesen. Das Unternehmen will aber nichts falsch gemacht haben. Es folgt ein juristisches Gezerre, das am 14. Februar 1989 mit einem ersten Urteil endet. Union Carbide wird zu einer Zahlung von 470 Millionen Dollar verurteilt. 2010 kommt ein strafrechtliches Urteil dazu. Acht leitende Angestellte des Chemieunternehmens werden zu einer Bewährungsstrafe und einer Zahlung von umgerechnet je 1.800 Euro verurteilt.

Bis heute ist unklar, ob 3.000 oder 23.000 Menschen durch die Giftwolke gestorben sind. Die Toten wurden direkt nach der Katastrophe wegen Seuchengefahr verbrannt oder in Massengräbern beerdigt. Und der indische Staat weiß bis heute nicht, wie viele Menschen in dem Armutsviertel nahe der Fabrik gelebt haben.

Stand: 14.02.2014

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