17. Oktober 1883 - Geburtstag des Reformpädagogen Alexander S. Neill

Stichtag

17. Oktober 1883 - Geburtstag des Reformpädagogen Alexander S. Neill

Haben Schüler der britischen Summerhill School früher nach ihrem Schulleiter gesucht, fanden sie ihn oft im Garten, beim Unkrautjäten. Mit Summerhill gründete Alexander S. Neill eine der ersten demokratischen Schulen der Welt. Doch viele seiner Schüler haben den revolutionären Lehrer anfangs für den Gärtner gehalten. Neill drängte sich nie in den Vordergrund, formale Autoritäten waren ihm suspekt. "Keiner ist gut genug, einem Kind zu sagen, wie es leben soll. Die Hauptsache ist, dass für uns Spielen und Gefühle an erster Stelle stehen und die Freiheit", erklärt Alexander S. Neill. An der Summerhill School lernen bis heute rund 90 Kinder und Jugendliche.

Lehrer und Schüler legen Regeln gemeinsam fest

Anarchie herrscht in Summerhill jedoch gerade nicht. Es gibt Regeln zuhauf - diese werden allerdings nicht verordnet, sondern von Lehrern und Schülern gemeinsam festgelegt. Wobei Erzieher und Kinder gleiches Stimmrecht haben, die Kinder die Erwachsenen also jederzeit überstimmen können. "Freiheit heißt in Summerhill tun und lassen können was man will, solange kein anderer gestört wird. Wenn ein Kind kein guter Rechner werden will, ist das seine Sache. Aber wenn es Trompete spielen möchte, während die anderen schlafen oder lernen, ist das nicht Freiheit, sondern Zügellosigkeit", sagt Alexander S. Neill. Er nennt sein Modell der Erziehung auch nie antiautoritär, sondern selbstregulativ. Als der deutsche Rowohlt-Verlag 1969 eines seiner Bücher unter dem Titel "Theorie und Praxis der antiautoritären Erziehung – das Beispiel Summerhill" herausgibt, bemerkt Neill: "Es ist der Titel des Verlags, nicht der meine. Verschiedene junge Deutsche versuchen, das Buch in ihrem Kampf für Kommunismus oder Sozialdemokratie oder was auch immer zu verwenden. Ich sage Ihnen, dass das Buch nichts mit Politik zu tun hat."

Schläge für Lärm, schlechtes Benehmen und langsames Rechnen

Seine eigene Kindheit verläuft wenig unbeschwert. Am 17. Oktober 1883 wird Alexander S. Neill in Schottland geboren. Seine Eltern sind Lehrer, er wird vom Vater unterrichtet und regelmäßig gedemütigt. "Mein Vater strafte uns eigenen Kinder mindestens so streng wie die anderen – weil er sich dem Verdacht der Begünstigung entziehen wollte", erinnert sich Neill. Schläge gibt es für Lärm, schlechtes Benehmen, langsames Rechnen.

Auch Alexander S. Neill wird Lehrer im staatlichen Schuldienst und greift anfangs zum Prügelriemen, wie sein Vater. Bis er sich eines Tages fragt: "Warum schlage ich jemanden, der nicht meine Größe hat?" Ein weiteres prägendes Erlebnis ist der Besuch einer reformorientierten Besserungsanstalt für straffällig gewordene Jugendliche, in der die Insassen ihre Regeln selbst aufstellen. "Dieses Wochenende war vielleicht der bedeutendste Meilenstein in meinem Leben", erinnert sich Neill.

Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig

In ihm reift eine Idee: Eine neue Schule muss her, ohne die damals gängigen Methoden der Züchtigung. 1921 beteiligt er sich zunächst an einer Reformschule in der Gartenstadt Hellerau bei Dresden. Doch die deutschen Kollegen gehen ihm zu theoretisch vor. So kauft er schließlich ein altes Herrenhaus in Leiston, 150 Kilometer nordöstlich von London, und eröffnet dort 1927 Summerhill. "Wir glauben an das Kind und seine eigene Persönlichkeit. Wenn es frei aufwächst, wirklich frei, dann entwickelt es sich auf seine Art in dem ihm eigenen Tempo", sagt Neill.

Die wesentlichen Prinzipien sind bis heute gleich geblieben: Die Teilnahme am Unterricht ist freiwillig, die Schüler entscheiden selbst, wann sie was lernen wollen. Die Folge: Die Lehrer stehen öfters allein im Klassenzimmer. "Es ist zehn nach fünf Uhr. Ich habe länger als die vorgeschriebenen zehn Minuten gewartet. Jetzt gehe ich und komme zur nächsten Unterrichtsstunde wieder. Hoffentlich kommt dann jemand", sagt ein Summerhill-Physiklehrer in einer Radiodokumentation des Bayerischen Rundfunks.

Erfolglos sind die Summerhill-Schüler in ihrem Leben jedoch nicht: Einige wurden Künstler, andere Universitätsprofessoren. Am berühmtesten wurde Rebecca de Mornay, die Hollywood-Schauspielerin. Nicht alle erreichen nach der Schule wichtige Positionen, aber die meisten verfolgen etwas, das sie mit Freude erfüllt. Das ist ganz im Sinne des Schulgründers. "Ich habe lieber einen glücklichen Straßenkehrer als einen neurotischen Premierminister", sagt Neill.

Als Alexander S. Neill 1973 stirbt, übernehmen erst seine Frau Ena und ab 1985 die Tochter Zoë Neill Readhead die Leitung der Schule.

Stand: 17.10.2013

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Stand: 17.10.2013, 00:00